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Kolumne


Das lange Echo eines Schusses

von Patrik Etschmayer / Montag, 25. Mai 2009

. Als der Schuss fiel, war der Autor nicht einmal ein Jahr alt. Doch dessen Echo hallte durch seine ganze Jugend und wollte einfach nicht verklingen. Der Schuss war jener, mit dem der Student Benno Ohnesorg bei einer Demonstration gegen den Staatsbesuch des Schahs von Persien im damaligen Westberlin niedergestreckt und getötet worden war. Abgedrückt, beim nach Zeitzeugenberichten brutalen Einsatz der Polizei gegen die Demonstranten, hatte Karl-Heinz-Kurras. Dieser war damals Kriminalobermeister in Zivil und – was erst jetzt durch einen Aktenfund bekannt wurde – Spion der DDR.

Pikant daran ist, dass Kurras demnach einen jener Demonstranten erschossen hatte, die von der DDR als Kämpfer gegen das kapitalistisch-faschistische System ganz offiziell ideologisch, aber heimlich auch logistisch, unterstützt wurden.

In der Folge von Ohnesorgs Tod radikalisierten sich die deutsche Studentenszene und die 68er-Bewegung, deren Exponenten heutzutage allerorten drin sitzen, ob in der Wirtschaft oder in der Politik von links bis rechts. Daraus hervor ging auch die deutsche Terrorbewegung, welche vor allem in den 70er aber zum Teil auch noch in den 80er Jahren aus ideologischer Verblendung mordete.

Bis zum ihrem Untergang 1989 bot die DDR sogar deutschen Alt-Terroristen und Mördern Unterschlupf, deren linke, «sozialistische Ideale» ihre Taten scheinbar in den Augen der DDR-Oberen adelten.

Und nun zeigt sich, dass der Startschuss für diese unselige Zeit von einem gegeben wurde, der heimlich auf der Seite der real existierenden Sozialisten gestanden hatte. Die Meldung schlug in den deutschen Medien denn auch wie eine Bombe ein und es wurde sogar die Frage gestellt, ob der Mord eine absichtliche, im Auftrag der DDR-Staatsicherheit ausgeübte Tat war, um eine Revolte zu provozieren.

Doch dies kann scheinbar ausgeschlossen werden. Kurras' Aufgabe war das Ausspionieren der Westberliner Polizei. Auch wenn er in den folgenden Prozessen um den Tod des Studenten dreimal freigesprochen wurde, war die Aufmerksamkeit, die Kurras in den Medien und der Öffentlichkeit bekam, wohl das letzte, was ein Spion haben wollte.

In der nun aufflammenden Debatte, in denen Alt-Linke und Alt-Rechte sich aufs heftigste behaken, werden solche Tatsachen nach Möglichkeit ausgeblendet. Zu verlockend, beziehungsweise zu bedrohlich, scheinen die Implikationen zu sein. Einige Rechte hoffen darauf, die paranoid-reaktionäre Verteufelung all dessen, was damals nicht deutlich rechts von der Mitte angesiedelt war, als Position der Vernunft zu rehabilitieren. Nervös agieren hingegen gewisse Linke, weil diese, durchaus zu recht, Furcht um die in den letzten Jahren fast schon zementierte Deutungshoheit der jüngeren Zeitgeschichte haben.

Das in manchen Kreisen gebetsmühlenhaft repetierte Dogma, dass die Linken das Gute und die Rechten alles andere wollen, wankt. Eine verteufelte Symbolfigur der bösen Rechten, ein Mann, der auch in später gegebenen Interviews immer nur als brutaler, kalter Waffennarr auftrat und selbst jetzt, nach seiner Enttarnung als einstiger Spion, kein Jota von seiner Linie abweicht, war in Wahrheit kein «Fascho-Bulle» sondern ein überzeugter Sozialist.

Die Geschichte muss deshalb nicht umgeschrieben werden – wilde Spekulationen sind unnütz. Aber vielleicht könnte dieser absurde Fall des Fascho-Sozialisten Kurras bei manchen Leuten endlich die ideologischen Scheuklappen wegblasen. Denn Menschen sind nicht gut, weil sie links oder rechts stehen. Und die «richtige» politische Überzeugung macht aus einem brutalen Kerl noch lange keinen Menschenfreund – vielfach gibt sie ihm nur die Ausrede, um mit «politisch korrekter» Gesinnung schlecht zu sein.


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