von Patrik Etschmayer / Donnerstag, 9. Juli 2009
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Die Zeiten sind – wenigstens darüber dürften sich die meisten einig sein – turbulent. Manchen kommen sie bedrohlich vor, manchen als Gelegenheit, Dinge zu ändern, während wieder andere davon ausgehen, dass ein Besinnen auf frühere Zeiten und Werte die Lösung bringen werde. Zu all diesen gegensätzlichen Ansichten kommt noch dazu, dass zwar viel mehr Informationen als früher zur Meinungsbildung zugänglich sind, es aber fast nicht mehr möglich ist, aus diesen die relevanten heraus zu sortieren.
Wir stecken sozusagen in einem Nebel aus Informationen, die unsere Sicht auf das grössere Bild versperren, fest, sehen den Wald vor lauter Bäumen nicht. Und es geht nicht nur uns Normalbürgern so, sondern – und das mag ein kleiner Trost sein – auch die Regierungen mit all ihren Geheimdiensten und Analysten stolpern eigentlich hilflos durch die Weltgeschichte.
Dies ist eigentlich immer der Fall – in Zeiten grosser Krisen fällt es einfach wesentlich stärker auf, dass allenthalben nur mit Wasser gekocht wird. Wie dicht der Nebel der Zeitgeschichte ist, zeigt sich womöglich am stärksten daran, dass der Lauf der Geschichte sich meist erst nach Jahrzehnten heraus kristallisiert. Und selbst dann wird er noch heftigst von Historikern debattiert.
Wenn wir das erste Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts als Beispiel heran nehmen, dann dürfte damals kaum jemandem klar gewesen sein, dass die Zeit der grossen europäischen Kolonialreiche gerade im Begriff war, zu Ende zu gehen. Das Gegenteil schien der Fall zu sein. Im englischen Empire ging die Sonne damals niemals unter und dies würde – dessen war man sich überzeugt – noch für Jahrhunderte der Fall sein. Deutsche Kaiserfahnen wehten in Afrika und Frankreich herrschte uneingeschränkt in Nord-Afrika und Südostasien, wo sich auch Holland breit machte. Die USA waren bestenfalls ein Nebenspieler im pazifischen Raum.
Heute glauben wir zu wissen, dass damals der Zusammenbruch einer Jahrhunderte alten Kräfteordnung, welche seit der Renaissance der Welt den Stempel aufgedrückt hatte, anstand. In zwei grausamen Weltkriegen und den folgenden Konlonialkonflikten wurde – nach der heutigen Meinung – die alte Weltordnung zerschlagen und eine neue, mit zwei Machtblöcken unter russischer und US-amerikanischer Führung entstand. Doch auch diese, in den 80er Jahren noch unerschütterlich scheinende Ordnung, zerbröckelte.
Übrig blieb als vermeintlich letzte Supermacht die USA. Doch auch die ist nun am taumeln. Stattdessen stehen die «neuen» Weltmächte China und Indien in den Startblöcken – Mächte, die schon vor dem Beginn unserer Zeitrechnung existierten und immer noch da sind.
Zoomt man soweit zurück, sieht man auf einmal eine Welt, in der das Römische Reich, Persien, die Indische Zivilisation und China die grossen, organisierten politischen Kräfte waren.
Aus einer solchen Perspektive gesehen sind die entscheidenden Veränderungen nicht alte und neue Mächte auf dem Parkett der Weltpolitik und der momentane globale Kampf um Dominanz einfach die Folge aus der erhöhten Mobilität und damit einher gehenden Ausdehnung der möglichen Einflusssphären. Vor allem beeindruckend oder – je nach Standpunkt – bedenklich ist dabei, dass die verschiedenen kulturellen Kreise sich immer noch auf Werte und gesellschaftliche Konventionen abstützen, die durch Jahrtausende zurück verfolgt werden können.
Der entscheidende Unterschied zu all den Zeiten zuvor ist, dass die dominierenden Ur-Kulturen der Welt sich nun das erste mal in einem echten Wettkampf um eine globale Dominanz befinden. Der lange Vorteil des römisch-westlichen Kulturkreises (der verschiedenen kulturhistorischen Zufällen geschuldet war), scheint bald einmal verspielt zu sein, wenn er es nicht schon ist.
Doch es ist fast unmöglich, dies aus der Ameisenperspektive, in der wir uns mit unserer kurzen Lebensspanne nun einmal befinden, zu überblicken. Aber es ist durchaus möglich, dass sich tatsächlich ein Zeitalter der westlichen, 600 Jahre währenden Dominanz dem Ende zuneigt und China oder Indien schon bald der Welt ihre Denkmuster aufzuprägen suchen. Die momentane Krise in der wir leben, ist dabei vermutlich nur eine Markierung, ein Wegpunkt, der dereinst von Historikern in einer Fussnote verstaut wird, wenn sie auf das 3. Jahrtausend zurück blicken und die Ereignisse darin bewerten werden.