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Kolumne


Das Rätsel ist gelöst

et / Montag, 3. August 2009

. Wenn man im Ausland ist, und jemandem die Schweiz erklären soll, dann wird es schwierig. Der Begriff der Willensnation, den wir hier im Inland so gerne anführen, ist weitgehend unbekannt. Nationen entstehen, und das ist an den meisten Orten sehr tief in den kulturhistorischen Genen verankert, weil sie geeinigt werden, zusammengeführt werden, erobert werden. Es ist ein passiver, von den Kräften der Geschichte und deren Akteuren (Feudalherren, Eroberer, Herrschergeschlechter) gesteuerter Ablauf, der in neueren Zeiten von Kanzlern, Premierministern und Präsidenten übernommen wurde.

Das sich ein Land hingegen selbst zusammen gerauft hat und trotz krass unterschiedlicher sprachlicher und kultureller Hintergründe zusammen hält, wird mit Be- und Verwunderung zur Kenntnis genommen. Und wenn man dann noch von den ganzen Abstimmungen berichtet, die auf fast jeder Ebene stattfinden und die Blockade wichtiger Gesetze auf Bundesebene, dann setzt sogar bei den an direkte Demokratie gewöhnten Amerikanern Verwunderung ein.

Die Reflektion über das Wesen unseres Landes wird natürlich um den ersten August herum noch intensiver, auch wenn man weiss, dass dieses Datum rein geschichtlich gesehen eher willkürlich definiert wurde. Das wirklich interessante daran ist ja eigentlich auch, dass erst eine Volksabstimmung 1993 diesen Tag zum offiziellen Feiertag machte. Auch etwas, das einiges an Erstaunen bei Ausländern verursacht.

Die eher gemächliche Feier, deren grösste patriotische Wallung jeweils in der Form einer kurzen Politiker-Ansprache auf der Allmend und einem gemeinsamen Cervelat-Braten (solange es den Cervelat noch gibt), zum Ausdruck kommt, ist am ehesten eine Ausrede, mal ohne zu frieren Feuerwerk abschiessen zu dürfen. Ansonsten: Extrem relaxed. Keine Militärparaden und Defilees, kein Drama, kein Wahnsinn. Stattdessen etwas Balkonparty bei denen, die nicht in den Ferien sind und Stress an den Kassen der Bahnhofs- und Flughafenshops, wo noch schnell der leere Bier- und Grilladen-Vorrat aufgestockt wird.

Feiert so eine Nation? Eigentlich nicht... das ganze erinnert viel mehr an einen landesweit stattfindenden Vereinsplausch. Und das ist womöglich des Rätsels Lösung: Die Schweiz ist gar keine Nation! Sie ist ein Verein mit UNO-Mitgliedschaft und Armee!

Vielleicht waren es ja ein paar Knallkörper zu viel, die des Autoren Hirn am letzten Samstag erschüttert haben, aber der Gedanke ist gar nicht so absurd. Die Mitglieder der Schweiz, die Kantone, sind praktisch alle freiwillig dem Verein beigetreten. Es gab immer wieder mal ein paar Satzungsänderungen, die zwar einiges an Geschrei aber kaum bleibende Differenzen oder gar Vereinsaustritte nach sich zogen. Nicht einmal der Jura, das wohl renitenteste Mitglied des Vereins «Confoederatio Helvetica», wollte je woanders hin oder gar unabhängig werden wie zum Beispiel das Baskenland. Nein, auch er ist fraglos Vollmitglied in diesem Club, genau so wie Appenzell (auch wenn das immer so tut, als sei die Schweiz ein Mitglied von ihm).

Wer jetzt findet, diese Sicht unseres Landes habe etwas despektierliches oder gar herabwürdigendes an sich, dem muss entschlossen widersprochen werden: Was könnte es denn positiveres zu einem Land zu sagen geben, als dass es sich auf Freiwilligkeit gründet und nicht auf wilde Eroberungslust? Und hier kommt eben auch wieder der Begriff der Willensnation zum tragen, der besser «Frei»-Willensnation lauten sollte.

Viele der Rätsel, die sogar uns Schweizern selbst Fragen aufgeben, lösen sich nämlich aus diesem Blickwinkel. Schlechte Wahlbeteiligung? Wer geht denn schon an jede Vereinsversammlung? Unlust der Eliten in die Politik zu gehen? Schon mal versucht, einen Top-Banker als Vereinskassier zu rekrutieren? Alle reden mit aber keiner hält den Kopf hin? Wie gesagt...

Jetzt wissen wir es also und wenn Sie mal wieder im Ausland gefragt werden, was die Schweiz denn als Land so besonders mache, sagen sie einfach, dass wir keine Nation, sondern ein spezieller Club seien. Das dürfte einem selbst einiges an Kopfzerbrechen ersparen und ihrem Gegenüber einen sofortigen und tieferen Einblick in das Wesen der Schweiz geben als dies ein ganzes Buch vermöchte.


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