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Kolumne


Stachelschwein im Réduit

von Patrik Etschmayer / Montag, 10. August 2009

. Seit dem Start der Réduit-Serie im Schweizer Fernsehen ist mal wieder eine Diskussion um die Schweiz im letzten Krieg losgebrochen. Da wird behauptet und belegt, beschimpft und beleidigt, dass die Leserbriefspalten nur so glühen. Von den Fakten wird nur das anerkannt, was grad mal so in das eigene Geschichtsbild passt.

Vor allem fällt bei dem ganzen Hick-Hack auf, dass ein sehr Schweiz-Zentriertes Weltbild zur Anwendung kommt, ja, man kriegt den Eindruck, dass Hitler und seine Generäle andauernd nur über die Schweiz nachzudenken hatten. Doch taten sie das wirklich?

Dass die Schweiz nicht angegriffen wurde, lag an vielen Faktoren, wobei die folgende Aufzählung weder Anspruch auf Vollständigkeit erhebt noch nach der Wichtigkeit der Punkte erstellt wurde:
* Die Schweiz besteht aus vielen Bergen. Gebirgskriege sind langwierig, teuer und verlustreich, wie zum Beispiel im ersten Weltkrieg Österreich und Italien in den Dolomiten schmerzhaft erfahren mussten.
* Die Schweizer Armee sass gut befestigt in den Bergen, die Tunnels und Brücken waren vermint – es wäre für Angreifer eine lange, mühsame Operation geworden.
* Die Schweiz zu erobern war kriegsstrategisch nicht nötig. In der Schweiz befinden sich keine Hochseehäfen, keine Rohstoffe – die Deutschen hätten mit einer Eroberung nichts gewinnen können, was sie nicht schon hatten. Aber sie hätten den Verkehrskorridor nach Italien für längere Zeit verloren, wenn die Brücken und Tunnels gesprengt worden wären.
* Frankreich liess sich leichter durch Belgien und Holland hindurch erobern – Hitlers Panzerarmeen konnten sich dort wesentlich besser entfalten. Das Schweizer Gelände war dazu einfach ungeeignet.
* Die Schweiz diente als diplomatische Drehscheibe für Deutschland und die Alliierten. Ein weiterer Punkt, der gegen eine Eroberung sprach, solange der Krieg noch anhielt.
* Deutschland hatte andere Ziele. Nach dem Erfolg gegen Frankreich wurde vorrangig die Invasion Grossbritanniens vorbereitet. Dieses Vorhaben band die meisten Ressourcen, die nach der Kapitulation Frankreichs frei geworden waren und hatte eine weit höhere Priorität als die Schweiz.
* Die «Operation Tannenbaum», wie der geheime Angriffsplan auf die Schweiz hiess, verlangte in seiner letzten Fassung 18 bis 21 Divisionen – dreimal so viel Truppen wie zum Beispiel für die Eroberung Norwegens notwendig gewesen waren. Viel Aufwand für wenig Ertrag.
* Als die «Operation Seelöwe» auf unbestimmte Zeit verschoben worden war (Winter 1940/41) liefen bereits die Vorbereitungen für den Russland-Feldzug an.
* Die Rolle der Schweiz als Handels- und Finanzdrehscheibe sollte nicht über- aber auch nicht unterschätzt werden. Es war sicher ein Dämpfer der Eroberungslust.

Diese Liste kann nicht vollständig sein, aber man sieht schon hier: Es waren viele Faktoren, die zusammenspielten, und sich ergänzen mussten, um die Schweiz vor dem Einmarsch der Deutschen 1940 zu bewahren. Wenn Armeegegner aber glauben, das Réduit habe keine Rolle gespielt, weil die Schweiz sich «freigekauft» habe, mit Anbiederung an die Nazis, dann ist dass ebenso falsch wie der Glaube von Armeefans, dass nur die waffenstarrende Alpenfestung uns gerettet habe.

Ohne zu erwartende Gegenwehr, hätte Hitler die Schweizer Goldreserven noch so gerne geplündert und die letzte Demokratie Mitteleuropas ausradiert. Doch genauso wäre er trotz Armee in den Alpen mit aller Macht in die Schweiz eingefallen, wäre es militärisch notwendig gewesen, um z.B. Frankreich zu erobern.

Hitler und seine Generäle erwarteten den Sieg. Und hätten sie diesen in Europa erzielt, wäre ihnen, so die feste Ansicht, die Schweiz am Ende mehr oder weniger wie eine reife Frucht in den Schoss gefallen. Diese Überzeugung kommt denn auch in diesem, damals in der Wehrmacht verbreiteten Reim zum Ausdruck: «Die Schweiz, das kleine Stachelschwein, das nehmen wir beim Rückmarsch ein!»


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