von Patrik Etschmayer / Montag, 5. Oktober 2009
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Sollten Sie ein kleines Kind haben, nehmen Sie es auf Ihren Schoss und schauen Sie ihm tief in die Augen. Scheinbar stehen die Chancen nicht schlecht, dass diese zuversichtlich blickenden Gucker auch noch im Jahr 2109 in die Welt hinaus schauen werden. Kinder, die in diesem Jahrzehnt auf die Welt gekommen sind, dürften mit über 50%-iger Wahrscheinlichkeit ein Jahrhundert oder noch länger leben. Dies bei immer besserer Gesundheit – auch im hohen Alter – und mit der Chance, dass viele Krankheiten, die einem heute noch das Älterwerden zur Qual machen, besiegt oder zumindest gelindert sein werden.
Dieser Ausblick kann als erfreulich oder erschreckend betrachtet werden. Ethische Diskussionen werden wiederum viel ideologischen Staub aufwirbeln, über die Richtigkeit, dass wir mit unserer Technik und unserem Wissen unsere Lebensspanne so weit über das hinaus dehnen, was einst als normal betrachtet wurde.
Doch diese Diskussionen sind müssig. Nicht, weil die Fragen beantwortet sind, sondern weil niemand, der geistig und körperlich gesund ist, seinem Leben ein Ende setzen wird, nur weil sich irgendjemand (der 40 Jahre jünger ist), diskutiert, es sei nicht in Ordnung, noch immer zu atmen. Wer nicht Euthanasie betreiben will, soll seine Energie aufsparen und sich den wirklichen Problemen widmen, welche aus dieser sehr wahrscheinlichen Verlängerung der Lebensspanne resultieren,. Denn nicht wenige fest gefügte, sakrosankte Standpunkte werden wir über Bord werfen müssen. Sicher – auch der Autor würde gerne mit 65 oder schon früher in den Ruhestand gehen und nur noch machen, was ihm so beliebt. Doch die Tatsachen sprechen eine andere Sprache: Wenn man dereinst 100 werden dürfte, stehen 45 Jahren im Berufsleben deren 55 gegenüber, welche von diesen finanziert werden müssen. Und bei Leuten mit Studium – die ohnehin eine noch höhere Lebenserwartung haben – ist das Verhältnis noch extremer.
Das gegenwärtige Modell wurde in den meisten Industriestaaten nach dem 2. Weltkrieg konzipiert, als es keine wirklich wirksamen Verhütungsmittel gab, die Lebenserwartung bei knapp 65 Jahren angesiedelt und die Chance, das Rentenalter zu erreichen oder gar lange zu überleben, sehr gering war. Seither wurde an dem Modell geschraubt und gefeilt, aber die Schieflage wird immer bedrohlicher und es wäre in den industrialisierten Ländern notwendig, ein neues System zu suchen, bevor das alte kollabiert.
Die unerfreuliche Tatsache ist wohl die, dass in seinem Berufsleben im Durchschnitt jeder soviel Werte schaffen muss, um davon 100 Jahre existieren oder besser noch, würdig leben zu können. Um dies zu erreichen müssen auch im ersten Moment absurd scheinende Modelle, wie das so genannte «garantierte Grundeinkommen» ins Auge gefasst werden, die erlauben würden, die Lebensarbeitszeit auszudehnen und die Sozialwerke völlig um zu gestalten, teilweise sogar abzuschaffen und Missbräuche zu vermeiden.
Es müsste auch ein System gefunden werden, dass es Arbeitnehmern erlaubt, weit über das momentane Rentenalter hinaus produktiv zu bleiben – und warum auch nicht? Viele der heute 65-Jährigen sind leistungsfähiger als die 50-Jährigen vor 40 Jahren. Ein solches System würde nicht nur die Lebensproduktivität erhöhen. Es würde den Zerfall der Gesellschaft stoppen, in Junge, die sich als produktiv wahrnehmen, und Alte, die nostalgisch auf die gute Zeit von damals zurück blicken. Denn dieses Phänomen droht bereits heute, schlimmer als jeder Röstigraben, das Volk zu dividieren.
Die steigende Lebenserwartung ist ein Jahrhundertproblem, das nach einer neuen, frischen Lösung verlangt. Diese muss man jetzt, müssen WIR jetzt, angehen, damit der zuversichtliche Blick der jungen Augen nicht von uns enttäuscht wird.