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Kolumne


Stripperin versus Burka – eine Frage von Würde

von Regula Stämpfli / Mittwoch, 14. Juli 2010

In einer jüngsten Umfrage unter tausend britischen Mädchen gaben sechzig Prozent an, „Topmodel“ sei ihre Berufung. 25% gaben an, Stripperin werden zu wollen.

Die Zahlen werden für die Schweiz nur in kleinen Margen abweichen. Dies ist nicht nur eine Ohrfeige an unsere Grossmütter, die für sich und kommende weibliche Generationen gleiche politische und ökonomische Rechte gefordert haben, sondern eine eigentliche Grabschändung.

Wenn unsere Omas und Ur-Omas gewusst hätten, dass ihr jahrzehntelanger Kampf dafür, dass Frauen denken, schreiben und reden dürfen, dass Frauen eine selbstbestimmte Sexualität leben könnten, dass Frauen als Künstlerinnen Museen füllen sollten, zu einem grossen Teil als Hugh Hefners verkleidete Häschen den westlichen Medienplaneten bevölkern... sie hätten wohl alle Medea gespielt.

Während wir westliche Frauen zum Grossteil als lebende Puppen von einem Schönheitswettbewerb zur anderen Diät zumindest medial geführt werden, bevölkern gleichzeitig massenhaft schwarzgehüllte Nikab-Frauen den europäischen Kontinent. Weshalb denn nicht? Denn ganz offensichtlich sind die westlichen Frauen schlechte Vorbilder, wenn es darum geht, ihren Geschlechtsgenossinnen aus anderen Kulturen selbstbestimmt vorzuleben, was weibliche Freiheit und Unabhängigkeit alles heissen könnte.

Nun will also auch Frankreich die Burka verbieten. Das wird an der Tatsache, dass bei uns und weltweit Frauen sowohl real als auch symbolisch der Vernichtung preisgegeben werden, überhaupt nichts ändern. Nur rein praktisch gesehen macht es mein ganz persönliches Leben angenehmer. Denn schon seit Wochen muss ich eindeutig weniger häufig schwarzgehüllten Ungeheuern auf der Strasse in meiner scharbeek‘schen Nachbarschaft ausweichen.

Aber nochmals. Verbote haben noch nie die Freiheit gestaltet.

Eine Madonna, Dita von Teese oder eine Sharon Stone sind für das weibliche Selbst- und Fremdbild genauso so vernichtend wie eine burkatragende Frau. Die Taliban haben im Westen in Nadelstreifen, im Nahen Osten als fundamentalistische Religionskämpfer die frauenfeindliche (Waren)Welt schon längst erobert. Und zwar real wie auch symbolisch. Es sind zwei Seiten derselben Medaille.

Boris Groys hat in seinem Band «Die Kunst des Denkens», die für westliche Frauen oft in eine «Kunst des Ausziehens» und für Musliminen in einer «Kunst der Verhüllung» endet, einen genialen Artikel über die Macht der Symbolik und die herrschende Politik geschrieben. Dort meint er unter anderem: «Der programmatische, kalkulierte Verlust der menschlichen Würde ist längst zum Hauptverfahren der westlichen kommerziellen Massenkultur geworden. (...) Die Schamgrenze wird permanent überschritten»“ Unsere westliche Kultur ist für die muslimische Welt nicht einfach bloss Abschreckung, sondern auch Verführung. «Entblösst euch selbst, zeigt uns eure nackten Körper, zeigt uns eure Wunden, legt eure würdevolle Haltung ab, macht öffentlich Sex – dann werdet ihr wie wir sein, dann werdet ihr frei sein, dann werden wir zusammen viel Spass haben.»

Kein Wunder, widersetzen sich viele Muslime und Musliminnen solchen Versprechungen. Kein Wunder erlebt die westliche Kultur auch innerhalb der eigenen Reihen eine starke christliche, esoterische und sektenmässige Refundamentalisierung. Denn seit der Kapitalismus die menschliche Freiheit als Ware definiert hat und in den Körper des Menschen gelegt statt in das Sein investiert hat, gibt es nur noch den nackten, bebenden, begehrenden Körper, der möglichst ohne Würde und soziale Verpflichtung seiner Lust (pursuit of happiness) nachgehen soll. Das «Cogito ergo sum» hat sich zum «In media ergo sum» hin zum «Coitus ergo sum»™ gewandelt.

Angesichts solcher Überlegungen wäre es vielleicht besser, statt die Burka zu verbieten, den westlichen Menschen wieder etwas Würde zu verleihen. Verantwortung, Werte, Freiheit sind dabei die Schlüsselbegriffe und –Politiken. Vor allem Frauen sollten als Subjekte Würde leben dürfen und wollen. Doch – und ja, heute ist ein schlechter Tag - da stehen sich die Frauen wohl selber am meisten im Weg. Und zwar sowohl nackt als auch unter einer Burka. Links: http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/33912 www.regulastaempfli.ch


Links zum Artikel:

Femizissmus Ein Essay über die jüngsten Entwicklungen des Feminismus in den Zeiten des Girlietums im Magazin der SZ.

Mehr von der Autorin Die Website von Regula Stämpfli


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