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Kolumne


Bankerboni: Missbrauchte zahlen länger

von Regula Stämpfli / Mittwoch, 13. Oktober 2010

Mein Kollege Etschmayer brillierte diesen Montag mit seinem „Islamismusdebatte – natürlich ist es unbequem.“ Angesichts der Millionen-, ähm, Milliardenboni möchte ich heute schreien: „Kapitalismusdebatte – natürlich ist es unbequem!“ Aber das käme ungefähr so sexy rüber wie wenn Roger Köppel zum nächsten Mr. Schweiz gekürt würde. Genau zwei Jahre nachdem unsere Politiker mit unseren Steuergeldern den Zusammenbruch des kapitalistischen Marktwirtschaftssystems verhindert haben, schütten die US-Banken wieder Boni aus, die das Bruttosozialprodukt jedes kleineren afrikanischen Staates bei weitem übersteigen. Die Skandalisierung in den Medien ist gross, einige empörte Kommentare werden folgen; wenn wir Glück haben, äussern sich sogar einige Intellektuelle kritisch, doch wahrscheinlicher ist: Nächstes Jahr werden Sie und ich noch weniger Aufträge erhalten, als schon in diesem Jahr, während die Banker-Boni wohl schon den Umfang von zwei oder drei oder vier afrikanischen Staaten zusammen ausmachen werden.

Die Boni-Milliarden der US-Banker erinnern mich an Familienstrukturen, in welchen Missbrauch zum Alltag gehört. Ich habe Freundinnen, die wurden von ihrer Mutter manipuliert, von ihrem Vater sexuell missbraucht, von ihrem Bruder verhöhnt und was tun sie? Sie kaufen Weihnachtsgeschenke für die Familie des Bruders, rufen ihre Mutter jeden Tag im Altersheim an und bringen für den Vater extra noch die Villigerstumpen mit, die er so gerne raucht. Weshalb tun sie das? Weil missbrauchte Kinder lieber in die bekannte Missbrauchsstruktur hineingehen statt die schmerzhafte Veränderung und Freiheit zu leben versuchen.

Als Bürgerinnen und Bürger verhalten wir uns gegenüber dem Finanzsektor genau gleich. Das herrschende Finanzsystem presst uns aus, bringt allen Staaten eine Schuldenkrise, macht Millionen arbeitslos, fördert Kinder- und Frauenhandel, versklavt Millionen in entwürdigendsten Verhältnissen, fördert Krankheiten, weil sie Millionenvermögen einbringen, während dem echte Krankheiten extra nicht behandelt werden, zerstört durch ökologische Katastrophen (BP, Exxon, Rotschlamm in Ungarn) die Lebensgrundlage von uns allen, zerrüttet jeden moralischen Kern, den Menschen als Menschen eventuell noch spüren und so weiter und so fort. Und was tun wir Missbrauchte? Wir besuchen unsere Missbraucher. Nicht nur das. Wir schütten ihnen Milliarden aus. Wir verkaufen ihnen noch das letzte Stück Menschlichkeit, das uns geblieben ist. Und wir beschimpfen die Freundin, die uns den Spiegel dieses absurden Verhaltens vorhält, als Verräterin...

Klar. Die Milliardenboni werden in den USA ausgeschüttet. Nicht hierzulande. Weshalb also sich aufregen. Nur: Spätestens seit 2008 wissen wir, dass die USA in der Schweiz und in Europa wohnen, nur merken wir es nicht. Wie wir ebenso wenig merken, dass in den letzten Jahren nicht die Islamisten-Terroristen unser Wert- und Wirtschaftssystem, sowie unseren Lebensstandard an den Abgrund gerissen haben, sondern dies das Finanzsystem für sie perfekt erledigt. Doch wie gesagt: Missbrauchte Kinder gehen lieber zu ihren Folterern zurück, als sich selber und den Schmerz zu spüren und dann etwas gegen die Peiniger zu machen. Vor diesem Hintergrund halt ich die 144 Milliarden Dollars eigentlich noch für zu wenig.




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