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Kolumne


Der Albtraum als Alltag

Regula Stämpfli / Mittwoch, 23. März 2011

Der Chefredakteur von Hauptstadt Magazin, Reda El Arbi, brachte es via Facebook auf den Punkt: «Mann, immer diese Albträume. Ich träumte, Japan werde verstrahlt und es herrsche Krieg am Mittelmeer.» Tja, der Albtraum ist mittlerweile Alltag geworden. Nach einem ersten inneren und äusseren Aufruhr zur Katastrophe in Japan und zum Aufstand in Libyen, lässt das Gefühl der Dringlichkeit und des unumstösslichen Veränderungswillens des «nie wieder!» nach. War ich in den ersten Tagen vom Bildschirm kaum mehr wegzukriegen, um keine News zu Japan oder Libyen zu verpassen, fühle ich mich jetzt wie abgestumpft. Was soll es denn Neues geben? Die Radioaktivität in Japan wird steigen, vielleicht kommt es noch zum Super-Gau, doch der Schrecken bleibt ohne Ende. Das Undenkbare ist «normal» geworden. Konsequenz davon ist, dass wohl hierzulande noch eine Weile über die Atomkraft diskutiert wird, nur um dann am 23. Oktober 2011 mit einer restrisikogetreuen Wählerschaft alle 100 Atomlobbyisten wiederzuwählen.

Libyen bleibt bombardiert, Gaddafi und seine familiären wie angeheuerten Schergen weichen nur langsam, die Region bleibt destabilisiert und undemokratisch. Auch das internationale Finanzsystem segelt weiter in unsteten Gewässern, ab und an werden drohende Finanz-Kernschmelzen dank Interventionen der Zentral- und Nationalbanken gekühlt, doch die grundlegenden himmelschreienden Ungerechtigkeiten, die absolute Perversion kapitalistischer Logiken, der «moral hazard», des sozialistischen Finanzkapitalismus bleiben. Die Auswirkung dieses drôle de guerre zeigen dann meine hochqualifizierten Freunde, die, ausser sie sind Staatsbeamte, nach und nach erstaunt feststellen müssen, dass sie keine Arbeit mehr haben und kriegen.

Der Alarm als Dauerzustand ermüdet, macht zynisch und stabilisiert die unerträglichen Zustände. Schon mit etwas Wehmut erinnere ich mich an die Copy-Paste-Affäre um Guttenberg. Wie fühlte es sich doch gut an, über Werte zu streiten! Wie fühlte es sich doch gut an, die unsäglichen Bildungsreformen am Beispiel Guttenberg endlich zu thematisieren! Wie fühlte es sich doch gut an, mit den arabischen Menschen in Tunesien und Ägypten für mehr Demokratie zu kämpfen, sich eine Welt vorzustellen, in welcher sich nicht die Kleptokraten, sondern die Aufrichtigen durchsetzen könnten!

Das war die Welt von Gestern. Die Welt von Heute fühlt sich zehnmal schaler an, wie die ersten Amtshandlungen des «Don’t Change-Obama».

Im Rückblick muss man wie Erich Kästner (aus Fabian) erkennen: «Ich bin ein Moralist! Der Autor sieht eine einzige Hoffnung, und die nennt er. Er sieht, dass die Zeitgenossen, störrisch wie die Esel, rückwärts laufen, einem klaffenden Abgrund entgegen, in dem Platz für sämtliche Völker Europas ist. (...) Trotzdem: Er bleibt ein Moralist.»

Wer sein Leben lang an Wahrheit und die Vernunft der Menschen glaubte, sieht sich in dieser humanen Haltung spätestens seit der unglaublichen Kernschmelze des Kapitalismus 2008, deren radioaktive Folgen für das Weiterwirtschaften der Menschen auf Generationen hin die Kritierien von Leistung, Arbeit und Verteilung vergiften, gelinde gesagt, gefordert. Seit Japan ist die Haltung einer Moralistin eigentlich lächerlich. Denn die Naturkräfte, welche die moderne Technik mit der Politik in die Natur selber leitet, vernichten die Welt, wie Einige von uns sie noch kennen. Mit klaren Blick erkennen wir, dass beispielsweise ein Schwarzer, der laut «Change» ruft, den ich als «Einer von uns» gekennzeichnet habe, schlicht gelogen hat.

Wir erkennen, dass diese Lügen von unseren Freunden als Realpolitik definiert werden. Wir sehen ebenso, dass die Wahrheit über gefährliche Nukleartechniken, über die langfristigen Wirkungen der Genmanipulationen, über die ganze Gesellschaften demographisch revolutionierenden Abtreibungs- und Reproduktionstechniken, höchstens noch schulterzuckend zur Kenntnis genommen werden. Wer noch mit Haut und Haaren denkt, wird als «hyperventilierend» abgetan. Zuviel Leben stört die Body Snatchers der Gegenwart. Sie riechen es förmlich und schaffen das Leben mit gezielten Finanzspritzen, technokratischen Subventionshilfen und wissenschaftlichen Instituten für Irrelevanzen ab.

Wir hören ständig, überall und immer wieder, wie unrealistisch es sei, gegen die unumstössliche «Natur» des Menschen anzukämpfen. Patroklos ist überall: «Die Menschen ändern sich nie, Kassandra. Weshalb sollten sie ausgerechnet ihr Bild ändern?» (aus Christa Wolf). Doch was soll’s. Ich bleibe Moralistin. Auch wenn es mir in diesen Tagen schwer fällt und ich zum Lager der Realisten gedrängt werde. Zu denjenigen, die, nur weil es ist, wie es ist, sich schon längst damit abgefunden haben, dass eigentlich nichts ist, wie es ist oder gar sein könnte. Das Lager derjenigen, die lächelnd feststellen: Es könnte ja noch viel schlimmer kommen...


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