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Kolumne


Der Kaiser von China

Peter Achten / Dienstag, 14. Februar 2012

Vor hundert Jahren - um genau zu sein, am 12. Februar 1912 - wurde Kaiser Pu Yi von den revolutionären republikanischen Kräften um den späteren Kriegsherrn und Fast-Kaiser Yuan Shikai zur Abdankung gezwungen. Damit ging eine Ära zu Ende, die im Jahre 221 vor unserer Zeitrechnung mit der erstmaligen Einigung Chinas ihren Anfang genommen hatte. Die Einheit Chinas wurde damals begründet und ist seither - bis zum heutigen Tag - tief im kollektiven Bewusstsein der Chinesinnen und Chinesen verankert. Das war selbst dann der Fall, als China in seiner langen Geschichte einige Male auseinanderbrach. Vor diesem Hintergrund ist beispielshalber auch zu verstehen, warum die Insel Taiwan aus der Perspektive Pekings seit dem Sieg der Kommunisten über die Nationalisten (Guomindang) im Bürgerkrieg 1945-49 und der Gründung der Volksrepublik China als «abtrünnige Provinz» gilt. Von Tibet, seit dem 17. Jahrhundert ins Reich der Mitte integriert und nie völkerrechtlich unabhängig, ganz zu schweigen.

Kaiser Pu Yi war der letzte Vertreter des mandschurischen Fürstengeschlechts Aixin Jueluo, das seit 1644 als Qing-Dynastie China regierte. Der letzte Kaiser war also nicht Chinese, sondern Vertreter eines jener nomadisierenden zentralasiatischen Stämme, die China seit Jahrhunderten bedrohten. Chinas kulturelle Überlegenheit freilich führte schon im 13. Jahrhundert dazu, dass der Mongole Kublai Khan - Enkel des legendären Dschingis Khan - kurz nach der Eroberung Chinas die Yuan-Dynastie gründete und sinisiert wurde. So war es dann einige Jahrhunderte später auch mit den Mandschuren. Die Verwaltung war chinesisch, die Kultur war chinesisch, die Schrift und Sprache war chinesisch. Einzig die Haartracht signalisierte, wer die Hebel der Macht bediente. Der Zopf war für alle Gesetz. Als mit Pu Yi der letzte Qing-Kaiser abdankte, war buchstäblich auch der letzte alte Zopf gefallen.

Bei der Abdankung am 12. Februar 1912 war Kaiser Pu Yi ein sechs Jahre altes Kleinkind. Er wusste wohl nicht, wie ihm geschah. Dass er übehaupt Kaiser von China geworden ist, war nicht selbstverständlich. Sein Vater nämlich war nur Prinz. Doch Kaiserwitwe Cixi, welche die Macht «hinter dem Vorhang» 47 Jahre skrupellos und machtgierig ausgeübt hatte, sorgte kurz vor ihrem Tod mit Intrigen, Mord und Totschlag dafür, dass die Nachfolge in ihrem Sinne geregelt wurde. So kam Pu Yi als drei Jahre alter Knirps auf den Thron. Bei seiner Abdankung garantierten die neuen Republikaner per Edikt dem «Kaiser der grossen Qing-Dynastie wohlwollende Behandlung» sowie Titel und Würde. Im Kaiserpalast in Pekings Verbotener Stadt hatte der tief gefallene Kaiser Wohnrecht. Zudem erhielt er eine jährliche Zuwendung von vier Millionen Yuan. Pu Yi wurde erzogen von Eunuchen und chinesischen Lehrern. Als 13-Jähriger erhielt er, zusammen mit seinem Bruder Pu Jie, einen zusätzlichen Privatlehrer, den Schotten Reginald Fleming Johnston. Die Republik China versank unterdessen im Chaos, dominiert von regionalen Kriegsherren. Pu Yi wurde aus der Verbotenen Stadt vertrieben und verbrachte die nächsten sieben Jahre in der japanischen Konzession der von Peking nur hundert Kilometer entfernten Hafenstadt Tianjin. Das sollte sein Leben für immer verändern.

Die Imperialmacht Japan, das erste industrialisierte Land Asiens, richtete seine Blicke auf das Rohstoffreiche China. Der Letzte Kaiser Chinas musste nach dem Kalkül Tokios in diesem Machtspiel eine tragende Rolle spielen. So wurde Pu Yi 1932 nach der japanisch-chinesischen Mandschurei-Krise zunächst Präsident des von Japan mit harter Hand regierten Marionetten-Staates Mandschukuo. Zwei Jahre später schon wurde er zum Kaiser ausgerufen. Mandschukuo bestand bis zum Ende des II. Weltkrieges und wurde nur von Japans Verbündeten Deutschland, Italien sowie dem Vatikan anerkannt.

Nach der bedingungslosen Kapitulation Japans im August 1945 begann für Pu Yi eine lange Leidenszeit. Er geriet in sowjetische Kriegsgefangenschaft, verbracht fünf Jahre in Kerkern in Tschita und Chabarowsk und wurde ein Jahr nach der Gründung der Volksrepublik an China ausgeliefert. In einem mandschurischen Gefängnis wurde er jahrelang «umerzogen». 1959 dann wurde er auf Anordnung von Mao Dsedong höchst persönlich begnadigt. Fortan arbeitete Pu Yi als einfacher Gärtner und später als Archivar an einem historischen Institut der Pekinger Elite-Universität Beida. Endgültig rehabilitiert wurde er 1964, als er mit einer Ehrenposition in der Politischen Konsultativkonferenz bedacht wurde.

Dies war auch das Jahr, als Pu Yis dreibändige Autobiographie mit dem Titel «Die erste Hälfte meines Lebens» erschienen ist. Der zweite Teil beziehungsweise die zweite Hälfte der Autobiographie erschien nicht mehr. Pu Yi starb 1967. Die letzten Lebensjahre Pu Yis waren für China eine Zeit des Chaos. «Der Grosse Sprung nach Vorn» 1959-61 mit der Kollektivierung der Landwirtschaft und der Gründung der Volkskommunen endete in der grössten Hungersnot der Weltgeschichte mit 45 Millionen Toten, und nur wenige Jahre danach stürzte die «Grosse Proletarische Kulturrevolution» 1966-76 das Reich der Mitte erneut ins Chaos. Pu Yi bekam von alledem, wohl geschützt von Mao Dsedong, kaum mehr etwas mit.

Die - lesenswerte - Autobiographie Pu Yis ist heute noch in Chinas Buchhandlungen zu kaufen. Tradition wird im reformorientierten China eben gross geschrieben. So konnte bereits 1987, nur wenige Jahre nach Beginn der Reform, sogar ein ausländischer Filmregisseur einen Film über Pu Yi an den Original-Schauplätzen drehen. Bernardo Bertoluccis berührender Film «Der letzte Kaiser» mit John Lone als Pu Yi und Peter O'Toole als Privatlehrer Johnston in den Hauptrollen erhielt neun Oscars und ist noch heute sehenswert.

Aus heutiger Sicht kann füglich darüber gestritten werden, ob Pu Yi nun wirklich der letzte Kaiser Chinas war. Rein formell stimmt das gewiss. Doch mit Blick auf die 2133 Jahre des kaiserlichen China mit den zentralen, autoritären Strukturen wäre auch ein ganz anderer Schluss möglich. Gewiss, Mao war «Der Grosse Vorsitzende» und die «Aufgehende Sonne». Trotz seiner Utopien gebärdete er sich durchaus in imperialer Tradition, und es war kein Zufall, dass sein grosses Vorbild der erste Kaiser Chinas, der Reichseiniger und skrupellose Machtmensch Qin Huangdi war.

Genauso sicher ist auch, dass sich der grosse Revolutionär und Reformer Deng Xiaoping nie zum Kaiser krönen liess, genauso wenig wie seine Nachfolger in der höchsten Pekinger Führungsetage. Hu Yaobang, Zhao Ziyang, Jiang Zemin, Hu Jintao und ab Herbst Xi Jingping waren und sind zuvörderst «Partei- und Staatschefs». Die allmächtige Kommunistische Partei Chinas mit ihrer offiziellen Parteilinie einer konfuzianisch geprägten «harmonischen Gesellschaft» setzt jedoch durchaus die kaiserliche Tradition fort. Wie die Kaiser zuvor will auch die KP das «Mandat des Himmels», also die Macht, nicht verlieren. Pu Yi, der Letzte Kaiser von China, regierte ein Land im Niedergang. Die neuen «Roten Kaiser» in Peking dagegen haben China wieder jenen Platz erobert, der nach chinesischem Selbstverständnis dem Land mit der grossen, ja grössten Kultur der Welt ganz selbstverständlich zukommt.

Der Kaiser von China ist tot! Es lebe der Kaiser von China!!


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