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Kolumne


Wintermärchen oder Business as usual?

Regula Stämpfli / Mittwoch, 22. Februar 2012

Wer am Sonntagabend in Deutschland vor dem Fernseher sass, hatte die Wahl zwischen dem klassischen Sonntagabendkrimi oder einem politischen Wintermärchen. Denn wer sass denn da zusammen in gütiger Eintracht? Richtig. Merkel, Roth, Gabriel, Özdemir, Seehofer und Rösler. Sie verkündeten in schönster Harmonie: «Wir sind alle Bundespräsident». Dieser soll nun Joachim Gauck heissen. Hallo? Gauck? Hatten wir das nicht schon mal vor zwei Jahren? Wird hier das Spiel «Treten an derselben Stelle» mit Intermezzo «Teflonpräsident» aufgeführt?

Wohl zum ersten- und zum letzten Mal ihrer Regierungsgeschichte der letzten zweieinhalb Jahren hat die deutsche FDP liberale Politik betrieben. Sie meinte: «Gauck her oder die Koalition weg.» Die FDP wusste haargenau, dass Bundeskanzlerin Merkel hier einlenken würde. Sie kann zwar Joachim Gauck aus machtpolitischem Kalkül ähnlich gut leiden wie der Teufel das Weihwasser, doch für ihren ganz persönlichen Machterhalt würde Angela Merkel sogar ihr Grosskind verkaufen, hätte sie denn eines.

Nun sind wir also zwei Jahre, etliche Hunderttausende von Euros für allfällige wullf'sche Rentenansprüche und unzählige Illusionen, was die Redlichkeit der Politiker der Nachkriegsgeneration betrifft, weiter und ärmer. Das einzig Positive an der Geschichte ist der Gesichtsverlust von Angela Merkel, doch die hat ja schon ganz anderes überlebt. Zum ersten Mal in ihrer von klassischer realsozialistischer Manier à la capitalism geprägten Karriere wird sie nun einen Mann an ihrer Seite haben, der nicht von ihren Gnaden lenkbar, sondern einen eigenen Willen und ein echtes Verständnis von Freiheit hat.

Das kann ja spannend werden.

Mit Gauck wird endlich wieder jemand zum ersten Mann im Staat, der ein eigenständiges Profil hat. Gauck steht abseits der Parteilinien und der Lächerlichkeit der Berliner Republik mit ihrem Geschacher und ihrer Beliebigkeit. Gauck wird das Amt ohne Macht aber mit hoher moralischer Qualität auszufüllen wissen. Erstaunlich daran ist, dass sich Gauck unter 50 Jahren gelebter Diktatur als echter Demokrat bewies.

Gauck hatte 1989 hautnah miterlebt, welche Vitalität und Kraft Menschen entwickeln können, wenn sie für ihre Rechte nicht nur reden, sondern kämpfen mögen. Schon am Sonntag meinte Gauck deshalb: Menschen sollen «Ja» zur Verantwortung sagen und aufhören, Zuschauer zu sein. Dies würde auch bedeuten, dass Menschen, statt ihre ganz persönliche politische Verantwortung an Politmenschen à la Merkel, Rösler, Westerwelle und Gabriel, die sich oft wie zänkische Schnäppchenjäger beim Wahl-Schlussverkauf verhalten, abzuschieben, von nun an handeln statt nur «sich verhalten» müssten.

Jochim Gauck verfügt über eine Glaubwürdigkeit, die Rösler, Westerwelle und Merkel völlig abgeht. Er verkörpert eine Moral, die nicht jederzeit vom Partyveranstalter Manfred Schmidt für Champagner und Lobbyismus gekauft werden kann. Gelingt es Joachim Gauck, den deutschen Stummbürger wieder zum europäischen Stimmbürger zu motivieren, dann haben wir letzten Sonntag wirklich den Beginn eines Märchens mit Happy End erlebt. Glückt es indessen Joachim Gauck nicht, Angela Merkel täglich einen antinationalistischen, pro-demokratischen Spiegel vorzuhalten und ab und an in den Medien auch die herrschende Gelddiktatur als das zu entlarven was sie ist, nämlich eine kapitalistische Farce namens Demoskopiedemokratie, dann war der letzte Sonntag statt Wintermärchen halt wieder nur «Business as usual».


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