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Kolumne


Kolonialobjekte des Alpenbogens

Patrik Etschmayer / Montag, 12. März 2012

Die Zweitwohnungsinitiative ist angenommen und die Bergler sind stinksauer. Kein Wunder, denn es wird offensichtlich, dass wir Unterländer die Alpen und ihre Bewohner als eine Art Kolonie betrachten, die es vor ihren eigenen Bewohnern zu beschützen gilt. Berge sind zweierlei: Für uns Unterländer sind sie Symbol für die «echte» Schweiz, Erholungsgebiet, Freizeitarena, ein erhebender Anblick der durch nichts beeinträchtigt werden sollte und Verkehrshindernis. Für die Bewohner der Alpen sind sie ihre Heimat, in der es gilt, ein Auskommen zu finden, ein geographisch problematisches Gebiet, dass, nur um es bewohnbar zu halten, ständiger, grosser Anstrengungen bedarf und ein Kapital, dass zum Teil verwendet werden muss, um ein Auskommen zu finden.

Dass dies gelingt, ist schon ziemlich erstaunlich, denn die Nachteile des Gebirges sind frappant: Weder Industrie noch Grossgewerbe werden sich hier ansiedeln, Landwirtschaft benötigt hohe Subventionen, egal, wie sehr sich ein Bauer auch abmühen mag. Gegen die geographisch bevorzugten Unterländer hat man keinen Stich, was die normale Wirtschaft angeht. Bleiben noch der Tourismus, der Tourismus, die Wasserkraft und der Tourismus.

Genau dort, wo man in den Bergen die einzige Chance hat, reden die Unterländer aber auch rein - wie jetzt wieder, als die Bergler mit der Zweitwohnungsinitiative beglückt wurden. Sicher, es ist tatsächlich nicht schön, was da zum Teil hingestellt wird. Ebensowenig, dass diese Wohnungen meist «kalt» sind und nur gelegentlich an einem Wochenende oder 3, 4 Ferienwochen bewohnt werden.

Und der Anblick erinnert zum Teil frappant an das Mittelland, den Agglobrei, der sich von Winterthur bis ins Seeland erstreckt. Doch das ist genau der Punkt. Denn nicht nur die Alpen sind landschaftlich wunderbar - auch das Mittelland wäre eigentlich schön genug, um in anderen Ländern als Tourismusregion zu reüssieren. Nur haben wir Unterländer das schon alles rücksichtslos zugepflastert und wir pflastern weiter. Die Einfamilienhauspest hat ganze Landstriche praktisch zerstört und aus lieblichen Tälern Aggloableger gemacht. Doch es würde niemandem Einfallen, dagegen ernsthaft zu kämpfen, denn es ist eh klar, dass eine solche Initiative chancenlos wäre: Wo kämen wir denn hin, wenn wir uns selbst verböten, so zu leben und zu siedeln wie wir wollten - ausserdem sind Zonenpläne und Raumplanungsgesetze völlig ausreichend, oder? Zudem wäre so etwas ruinös für die Wirtschaft und desaströs für die Arbeitsplätze.

Was bei den Berglern nicht der Fall ist. Denn die sind ja offenbar nicht zurechnungsfähig und diesen muss ganz klar gezeigt werden, wie sie mit unseren Bergen umzugehen haben. Denn die Berge gehören nicht den Berglern. Sondern uns. Denn wir gehen dort hin, um uns zu erholen, wenn uns der Hochnebel depressiv macht, wir fahren dort rauf, um die Landschaft zu geniessen, wenn uns die Agglopampe vor dem Fenster in die Verzweiflung treibt und wir geben dort oben unser Geld aus. Also sollen die gefälligst das machen, was wir wollen.

So halten wir es ja auch für unser gutes Recht, den Ökostrom aus den Kraftwerken zu beziehen, dann aber handkehrum einen Ausbau der Dämme zu verbieten, wodurch zwar mehr Geld in die Region kommen würde, aber ein paar Quadratmeter Berghang geflutet würden. Denn uns kommt es auf die Berge an. Die müssen erhalten bleiben. Möglichst so wie sie sind. Die Bergler sind uns eigentlich wurscht und sollen sich als Heidis und Alpöhis mit ihrer Rolle als Kolonialobjekte des Alpenbogens bescheiden. Wenn ihnen dies nicht passt, dann können sie ja ins Unterland auswandern, wie so viele vor ihnen.

Und wer könnte es ihnen verdenken. Immerhin könnten sie dann endlich darüber mitbestimmen, was mit den Alpen passiert.




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