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Kolumne


Nachruf auf die «Fliegende Taube»

Peter Achten / Dienstag, 27. März 2012

Feige, die «Fliegende Taube», ist nicht mehr. Nach zehn Jahren treuer Dienste ist sie, sagen wir es einmal so, entflogen. Einfach so. Ohne Vorwarnung. Tierschützer können sich beruhigen. Es handelt sich nicht um eine Taube sondern nur um einen Drahtesel oder ein Stahlross, um im Bilde zu bleiben. Kurz, ein Velo ist abhanden gekommen. Und was für eines. Schwer, stabil, schwarz und - dies vor allem - mit Stängeli-Bremsen. Um genau zu sein, nicht das ganze Velociped ist verschwunden, sonder nur das Vorderrad. Demontiert am abgeschlossenen Velo.

Ein Ersatzrad zu beschaffen, war unmöglich. Und das in China, wo es trotz Auto-Boom - laut der Chinesischen Fahrrad-Assoziation - noch immer 500 Millionen Fahrräder gibt. In Peking allein sind es über acht Millionen. Allerdings hat die Zahl der Autos in der Hauptstadt des Reichs der Mitte innerhalb von zehn Jahren von unter einer Million auf derzeit nicht ganz fünf Millionen zugenommen. Auch wenn das Verhältnis Fahrrad-Automobil mithin acht zu fünf steht, wissen wir alle, dass halt das Velo schwächer ist als das Auto.

Es stellte sich nach längeren Recherchen in einem Dutzend Pekinger Velo-Fachgeschäften heraus, dass es für die «Fliegende Taube» nicht nur keine Ersatzteile mehr gibt, sondern auch keine ganzen Fahrräder. Auch die beiden andern renommierten Marken Fenghuang (Phönix) und Yongjiu (Forever) mit 28-Zoll-Rändern gibt es nicht mehr zu kaufen. Händler Wang an der Dongsi-Strasse sagte lachend, diese Art von Retro-Fahrrädern würden nur noch für den Export produziert. Das seien eben Fahrräder für ältere Leute. Aha! In der Schweiz, meinte er, könne ich eine «Fliegende Taube» sicher kaufen. Nicht nur in Schwarz, sondern auch in Rot oder Grün. Aber in China, nein, da gibt es nur noch hochmoderne Sportgeräte. Kein Wunder, denn das Reich der Mitte fertigt satte 60 Prozent aller Fahrräder auf der Welt.

Was tun? Das Velo ist in der 20-Millionen-Einwohner-Metropole unverzichtbar. Zur Fahrt ins zwölf Kilometer entfernte Büro benötige ich eine knappe halbe Stunde. Mit dem Auto oder Taxi während der Rush-hour ist das nicht unter einer Stunde zu haben. Also nichts wie los, ein neues Fahrrad kaufen. Der erste Eindruck nach dem Betreten der Geschäfte: die Preise sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren. Immerhin, das billigste kostete 290 Yuan, umgerechnet etwa 40 Franken. Für das billigste sich zu entscheiden, ist wegen der hohen Velo-Diebstahlrate in Peking empfehlenswert. A-propos Fahrraddiebstahl sind zwei Filme warm zu empfehlen: Zum einen der chinesische Spielfilm «Beijing Bicycle» aus dem Jahre 2001 und ebenso schön Vittorio de Sicas «Ladri di biciclette»(Fahrraddiebe) Anno Domini 1948.

So fahre ich denn jetzt auf einem neuen Rad der Marke Bater-Apollo. Zum Beispiel rund um die Verbotene Stadt, dort, wo schon vor hundert Jahren der letzte Kaiser von China seine Runden gedreht hat. Das Apollo-Velo ist sehr viel leichter als die Taube, aber was die Strassenhaltung betrifft höchst gewöhnungsbedürftig. Die Taube nämlich hatte Bodenhaftung etwa so, wie ein Zug auf Schienen. Herrlich.

Die meisten westlichen Besucher Chinas sind erstaunt, dass es ihrer Beobachtung nach im sog. «Radfahrerparadies» fast keine Radfahrer mehr gibt. Es sind weniger als früher. Sicher. Immerhin, viele, die jetzt stolze Autobesitzer sind, legen sich Velos nun zum Freizeitvergnügen und zur Fitness zu. Pekings rührige Stadtväter gar bezeichnen das Fahrrad in einem Verkehrsmasterplan fürs Jahr 2020 als «Hauptverkehrsmittel». Die Idee: Radfahren bis zur nächsten Bus- oder Metro-Station. In der Tat wird derzeit das öffentliche Verkehrsmittel gefördert. Jedes Jahr werden neue Metro-Linien eröffnet. Hunderte von Kilometern U-Bahn sind im Bau. Die Preise sind selbst für chinesische Verhältnisse billig. Die Züge rappelvoll.

Umsteigen lohnt sich oft schon deshalb, weil der Weg zur Arbeit mit Fahrrad und öffentlichem Verkehr viel schneller als im Auto zurückgelegt werden kann. Die Pekinger Verkehrspolizei hat folgende Durchschnittgeschwindigkeiten zu Stosszeiten errechnet: Auto 8 bis 12 km/h, Fahrrad 15 km/h, U-Bahn 60 km/h.

Der neueste Trend, der letzte Zwick an der Geisel sind - leider - Elektro-Velos. Bereits machen über eine Million dieser lautlosen Zweiräder Pekings Strassen unsicher. Schnell, tonlos und für «normale» Velofahrer brandgefährlich. Und entgegen der grünen Wahrnehmung sind sie auch nicht Umweltfreundlich. Sie brauchen Strom, und der kommt in China zu 70 Prozent aus Kohlekraftwerken. Als Radfahrer kann man nur staunen. Wer nur hat die Mär in die Welt gesetzt, dass mit Strom betriebene Autos und Velos umweltfreundlich seien...

Umweltfreundlicher und gesünder als mit der guten, alten, schweren, stabilen, schwarzen Feige, der «Fliegenden Taube» jedenfalls geht es nimmer.


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