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Kolumne


Wundermittel für Billigschnitzel geopfert

Patrik Etschmayer / Freitag, 30. März 2012

Mitunter gibt es wahre Wundermittel, Substanzen, die Leben retten und Leiden verkürzen. Dass wir dabei sind, ausgerechnet eine Klasse solcher Mittel fahrlässig, leichtsinnig ja geradezu idiotisch zu verschwenden und wertlos zu machen ist eines der grossen Dramen der Gegenwart, das fast niemand wahrnehmen will. Vielleicht haben Sie, geschätzter Leser, bemerkt, dass die Kolumnen dieses Autors in letzter Zeit etwas spärlich geflossen sind. Dies lag nicht daran, dass er auf der faulen Haut lag (obwohl, liegen tat er - mehr als ihm lieb war), sondern an einer banalen Erkältung, die sich nach einigen Tagen in etwas weniger banales verwandelt hatte.

Fieber und Husten blieben auf einmal gleich, tagelang und der Arzt, der schliesslich den Patienten untersuchte, befand, dass dies eine bakterielle Bronchitis sei und nur Antibiotika dagegen wirken würden. Das verschriebene Medikament schlug glücklicherweise auch schnell an und langsam setzte die Heilung ein.

Bei einem Anruf, bei dem er sich nach dem Heilfortgang erkundigte, bemerkte der Arzt noch: «In den dreissiger Jahren ist man an solchen Krankheiten noch gestorben.». Was er nicht sagte war, dass es durchaus sein könnte, dass man in den 30er Jahren dieses Jahrhunderts auch wieder daran sterben könnte.

Denn die Antibiotika verlieren zunehmend ihre Wirkung. Nicht zuletzt weil sie falsch und fahrlässig benutzt werden. Und zudem an Orten, wo sie nichts zu suchen haben. Doch machen wir uns zuerst einmal klar, was wir mit den Antibiotika wegen der zunehmenden Resistenzen zu verlieren drohen.

Dass Sie nun an einem Computer oder mit dem Handy da sitzen und diese Kolumne online lesen, scheint ja ein prägendes Merkmal unserer Zeit zu sein. Wir leben, heisst es, im online-Zeitalter und diese Technologie sei jene, die unseren Alltag prägt. Kokolores.

Was unseren Alltag prägt ist, dass Sie möglicherweise schon mehrmals Infektionen überlebten, die eigentlich tödlich gewesen wären und dies nicht als Besonderheit wahrnehmen. So ist es für uns normal, dass ein Husten als Lästigkeit und nicht als Bedrohung des Lebens wahrgenommen wird, dass ein Schnitt beim Rasieren, der sich infiziert, nicht nach drei Wochen ins Grab führt sondern immer noch wirksam behandelt werden kann. Unser Leben wird geprägt davon, dass wir nicht in ständiger Angst leben, dass unsere Kinder an der nächsten Erkältung, die nicht gleich verheilt, sterben werden und dass nach einem Unfall nicht die Infektionen die grösste Bedrohung für unser Leben sind. Wir haben den Schrecken von Infektionen dank der Antibiotika so gründlich vergessen, dass nur die wenigsten sich dessen bewusst sind, an welch banalen Dingen vor nicht einmal hundert Jahren noch gestorben wurde.

I-Pad, Android-Phone und Cloud-Computing. Vergesst den Quatsch. Dass sind die Streusel auf unserem Leben, die es nett und Unterhaltsam machen, während wir gar nicht merken, dass wir immer noch im Antibiotika-Alter leben, einer Ära, die zu Ende zu gehen droht, weil zum Beispiel Viehzüchter ihren Tieren diese Wunderwaffe gegen Bakterien als Mastbeschleuniger verfüttern und so Resistenzen in der ganzen Welt verbreiten, so dass ganze Medikamentenklassen wirkungslos wurden, nur um Schnitzel billiger zu machen.

Doch auch blöde Patienten trugen und tragen zum Niedergang bei: Sobald es ihnen etwas besser geht, setzten sie eigenmächtig die «bösen» Antibiotika ab - zum Teil auf Anraten von Alternativmedizinern - und züchten so in sich selbst resistente Keime, die das nächste Mal den Medikamenten widerstehen.

So leert sich das Waffenarsenal gegen Bakterien immer mehr. Und Nachschub ist nicht in Sicht, nicht zuletzt weil die grossen Pharmafirmen nicht an diesen billigen Massenmedikamenten interessiert sind: Zu wenig Gewinn. Vermutlich ändert sich das erst, wenn das Kind eines Pharma-CEO einer Infektion erliegt, weil keines dieser billigen Banalmedikamente mehr wirkt.

Falls wir nicht in die so gründlich vergessenen Zeiten von Sepsis und Lungenentzündung, Bronchitis und Blutvergiftung zurück fallen wollen, muss etwas passieren. Zum Einen muss die Verwendung von Antibiotika ausserhalb des Gesundheitswesen stark eingeschränkt werden. Zum Anderen müssen nicht Gewinn orientierte Forschungseinrichtungen an Universitäten dringend beginnen, neue Klassen von Antibiotika zu erforschen und so auch unseren Kindern und Kindeskindern so wirksame Waffen gegen Mikroben in die Hand zu geben, wie wir sie hatten und in den letzten Jahren verantwortungslos verschwendet haben.


 Kommentare lesen (4 Beiträge)
· ...undUrsValsSa, 31.03.2012 03:40
· Keine SorgeUrsValsSa, 31.03.2012 03:31
· Es gibt viele Beispiele...borisxlFr, 30.03.2012 15:34
· Was kommt zuerstJasonBondFr, 30.03.2012 12:24
» Mitreden


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