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Kolumne


Schwarmblöd im Flugzeug

Patrik Etschmayer / Freitag, 6. April 2012

Mitunter können einem banale Alltagsbeobachtungen hinweise darauf geben, warum gewisse Dinge so sind, wie sie sind. Und einem gleichzeitig die Hoffnung auf Besserung rauben. Die meisten von Ihnen kennen die Situation. Sie warten am drangvoll engen Gate am Flughafen darauf, dass endlich das Boarding ihrer Maschine beginnt. Es ist schon 20 Minuten über der eigentlichen Boarding-Zeit, aber jetzt geht es endlich los. Die Dame am Schalter gibt durch, dass der Flug jetzt boarden wird und als erstes diejenigen des hintersten Drittels einsteigen sollen, um das Boarding zu beschleunigen und so die Verspätung zu reduzieren.

Falls sie ein Ticket aus den genannten Reihen und ein ganzes Hirn besitzen, begeben sie sich nun in die Schlange, lassen ihre Boarding-Karte scannen und gehen dann durch die Passagierbrücke zum Eingang des Flugzeuges... wo sich ein Rückstau gebildet hat. Wie zum Henker das? Es sollten doch alle nach hinten gegangen sein.

Als sie endlich im Flugzeug drin sind, sehen sie die Verstopfungsgründe: bereits ein gutes Drittel der Plätze der vorderen Reihen sind mit blöde grinsenden Idioten besetzt, die zu dumm waren, in ihrem eigenen Interesse (denn wer will nicht schnellstmöglich abfliegen?) eine Anweisung, die auch ein Sechsjähriger begreifen kann, zu befolgen, nur um ihre blöden Hintern möglichst schnell in die schmalen Flugzeugsitze zu quetschen. Eigentlich sollte man beim Vorbeigehen all diesen Idioten mit dem Handgepäck eins über die Rübe ziehen... aber das wäre nicht im eigenen Interesse und da man nicht so blöd wie die dort sitzenden ist, lässt man es bleiben. (Oder lässt man es, weil man einfach zu feige ist?)

Stattdessen beginnt man zu realisieren, dass scheinbar die Impulskontrolle von (offensichtlich) mindestens 33% der Menschen so katastrophal ist, dass sie scheinbar nicht mal 15 Minuten in die Zukunft denken können, wenn es darum geht, möglichst früh und lange auf einem Economy-Flugzeugsitz zu hocken. Davon ausgehend dürfen einen auch gewisse andere Entscheidungen nicht mehr wundern. Sei dies bei Wahlen, bei denen Kandidaten gewählt werden, die offensichtlich politische Positionen vertreten, die nicht zu finanzieren sind, oder weshalb SUV's vor allem in Innenstädten immer populärer werden, während sich deren Fahrer gleichzeitig über die unglaublichen Spritkosten nerven, derweil sie eine Wohnung im Grünen suchen, die einen noch weiteren Weg zum Pendeln notwendig machen wird.

Die Behauptung, dass der Mensch sich unter anderem durch seine brillante Zukunftsplanung von Tieren unterscheide, ist offensichtlich ein relativ unbegründetes Gerücht, dass uns vor allem ein gutes Gefühl über uns selbst vermitteln soll.

Überbevölkerung, Klimaerwärmung, Territorialkonflikte, Populismus, Religionen, Übergewicht, Politiker: Auf einmal lassen sich die grössten Ärgernisse erklären, denn zu bestimmten Zeiten sind wir alle immer mal wieder genau jene Idioten, die zu früh einsteigen, die jede Konsequenz ausblenden weil uns ein verlockendes Ziel präsentiert wird. Wir müssen nur fest genug daran glauben, dass das Blöde, welches wir machen, keine weiteren, üblen Konsequenzen haben wird.

Sicher: Menschen sind zu fantastischen Dingen fähig, aber irgendwie versagen wir im Alltag kläglich dabei, meist auch nur einen Schritt über die unmittelbare Gegenwart hinaus und über die Konsequenzen unserer Impulsentscheidungen hinaus zu denken.

Dies war in 99% der Menschheitsgeschichte eine Taktik, die funktionierte und Erfolg hatte. Doch wir haben eine Welt geschaffen, in der wir heute dabei sind, Dinge auf Jahrzehnte, bei der Verschwendung von Rohstoffen und Vernichtung von Lebensräumen womöglich auf Jahrtausende, zu beeinflussen oder gar fest zu legen.

Ist diese Sicht vielleicht allzu pessimistisch, die Folgerung aus einer isolierten Beobachtung in einem Flugzeug gar weit her geholt? Mag sein. Aber spätestens wenn nach der Landung und dem Erlöschen der Anschnallzeichen simultan alle Passagiere aufspringen, sich gegenseitig und den Aussteigevorgang verzögern, nur um dann zehn Minuten im engen Gang zu stehen, bevor das Flugzeug verlassen werden kann, wir es schwierig, den Glauben an den kollektiven Verstand der Menschheit wieder zu gewinnen. Vor allem, weil man selbst auch im Gang steht und sich dabei fragt, wie blöd man eigentlich sein muss, um bei diesem Akt der Schwarmblödheit mit zu machen und wie viele Male man schon so blöd war, ohne es zu bemerken.


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