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Kolumne


Fastfood - Rou Jia Mo

Peter Achten / Montag, 9. April 2012

Die amerikanischen Fastfood-Ketten haben China in den letzten 20 Jahren überrollt und die Chinesen etwas dicker gemacht. Aber es gibt auch vortrefflichen chinesischen Fastfood, wie unschwer jedermann und jedefrau feststellen kann. Das hat Kolumnist, Gourmet und Gourmand P.A. - zum Wohle seiner Gesundheit - lange schon vor der amerikanischen Schnellfresswelle im chinesischen Alltag entdeckt. Spätestens nach zwei, drei Tagen sind Chinesinnen und Chinesen im Ausland unglücklich, wenn sie kein chinesisches Essen vorgesetzt bekommen. Kein Wunder, Chinas verschiedene Küchen sind das Tüpfelchen auf dem «I» der kulinarischen Köstlichkeiten. Allerdings wird ein Big Mac, ein Whopper oder eine Portion Chicken Wings nicht erst seit gestern von chinesischen Konsumenten nicht ohne Weiteres und schon gar nicht ohne Grund von der Tischkante gewiesen. Im Gegenteil. Die amerikanischen Fastfood-Ketten sind im Reich der Mitte ein Riesenerfolg.

Bereits vor 25 Jahren versuchte es Colonel Sanders mit «Kentucky Fried Chicken», auch in der Schweiz unter dem Kürzel KFC wohlbekannt. Der rührige, 1980 verstorbene Oberst war berühmt für seine Bon Mots. Eines lässt sich durchaus auf das China der 1980er-Jahre anwenden. Also sprach Colonel Sanders: «Speise die Armen und werde reich, speise die Reichen und werde arm».

Die Eröffnung 1987des ersten KFC-Ablegers in China jedenfalls am Pekinger Qianmen, nur wenige hundert Meter vom Mao-Mausoleum entfernt, war - im Gegensatz zum Desaster der «Grossen Proletarischen Kulturrevolution» (1966-76) - schon fast eine neue, diesmal mundende Kulturrevolution. Obwohl sich Laobaixing, der gewöhnliche Chinese, es sich mit seinem kargen Lohn kaum leisten konnte, bildeten sich lange Warteschlangen. Heute betreibt KFC über 3'500 Gaststätten in über 500 chinesischen Städten. Täglich wird ein neues KFC eröffnet. Endziel des Managements: satte 15'000 Betriebe.

Natürlich ist neben anderen amerikanischen Klassikern (Pizza Hut, Taco Bell, Dairy Queen, Burger King oder Starbucks) auch die Mutter aller Klassiker, McDonald's in der «sozialistischen Marktwirtschaft chinesischer Prägung» aktiv, ja hyper-aktiv. McD kam drei Jahre nach KFC und hatte es schon wegen dem Menu schwerer. Chinesen und Chinesen lieben Hühnchen- und Schweinefleisch. Rind dagegen ist für Chinesen, um es milde auszudrücken, noch immer gewöhnungsbedürftig weil nach ihrem Gusto «hart». Nichtsdestotrotz: McD wuchs in zwanzig Jahren von einem einzigen auf 1'000 Betriebe und will in den kommenden vier Jahren nochmals 1'000 Betriebe hinzufügen. McD war überdies innovativ. 600 McDs sind rund um die Uhr geöffnet, und neuerdings bietet McD im autoverückten China auch Drive-Through-Service an.

Die westlichen Fastfood-Ketten konnten sich in den reichen Metropolen aber auch in den als Zweit- und Dritt-stufig bezeichneten Städten Chinas wegen dem steigenden Lebensstandard schnell durchsetzen. Der Fastfoodmarkt ist jährlich je nach Schätzung zwischen einer und 1,5 Billionen Yuan (umgerechtent 200 Mrd Dollar plus) wert mit einem jährlichen Wachstum im unteren zweistelligen Bereich. Das Potenzial ist enorm, wenn man bedenkt, dass derzeit der chinesische Fastfood-Markt erst halb so gross ist wie der US-Markt.

Es gibt viele Gründe für dieses rapide Wachstum. Es wird weniger als früher zuhause gegessen, und auch weniger aus Metallgefässen mitgebrachter Reis und Gemüse am Arbeitsplatz verzehrt. Im reformorientierten China muss alles schnell gehen. Viele Pendler sind Stunden unterwegs zum und vom Arbeitsplatz, sie arbeiten bis zu zwölf Stunden am Tag, sie heiraten spät, haben kleinere Familien und verdienen immer mehr - das alles hat zum Boom des Fastfood beigetragen.

Einer meiner Bekannten, der hin und wieder einem Big Mac oder Whopper keineswegs abhold ist, meint aber, dass - vor die Wahl gestellt - sich Chinesinnen und Chinesen immer für chinesisches Essen entschieden. Das ist sicher halb wahr. KFC hat schnell reagiert. So wird durchaus auch hundertprozentig Chinesisches angeboten, Kürbis-Porridge zum Beispiel, Youtiao (in Öl frittierte Frühstücks-Teigstangen) oder Pekinger Hühner-Brötchen. Burger King andrerseits nennt seinen weltbekannten Whopper Huangbao, den Kaiserburger. Und auch McDonald's lässt sich nicht lumpen und offeriert entgegen der reinen Mac-Lehre neben Rindigem auch - oh Graus! - Hühnchen.

Mittlerweile haben auch die Gesundheits-Apostel den Zeigefinger erhoben. Der westliche Schnell-Imbiss sei gesundheitsgefährdend, da zu salzig, zu fettig, zu viele Kalorien. In der Tat, sah man noch vor 25 Jahren kaum dicke Chinesinnen und Chinesen, sind sie heute allgegenwärtig im Strassenbild. Noch nicht so wie in den USA oder der Schweiz, aber immerhin.

Nach Statistiken der Weltgesundheits-Organisation sind heute über 35 Prozent aller Chinesen und Chinesinnen übergewichtig. Ärzte warnen, dass Herzkrankheiten und Diabetes rasant zugenommen hätten. Fastfood allerdings ist dabei wohl nicht allein schuldig, vielmehr hat der bessere Lebensstandard auch ausserhalb des Fastfood-Segments zugenommen und die Essgewohnheiten drastisch verändert. Weniger Bewegung infolge der Auto-Manie kommt dazu. Gehen und Velofahren kommt langsam aus der Mode.

Neben den grossen westlichen Anbietern - bislang als Marktbeherrscher die Platzhirsche - macht sich auch lokale Konkurrenz bemerkbar. Xiabu Xiabu zum Beispiel mit über 250 Restaurant landesweit, in denen Hotpot, eine Art Fondue Chinoise, serviert wird. Auch Li Xiansheng (Mr. Lee) mit 400 Nudel-Restaurants, Guo Qiao Yuan mit 300 Reisnudeln-Betrieben oder die über 400 Restaurants Zhen Gong Fu (Kungfu) mit gedämpften Köstlichkeiten wären neben vielen andern zu erwähnen. Sowohl die westlichen wie die chinesischen Anbieter sind billig: der Preisbereich liegt zwischen 15 und 50 Yuan, umgerechnet von nicht ganz zwei bis zu etwa acht Franken.

Natürlich werden die Grossen aus dem Westen auch nachgeahmt im Logo, Schriftzug, der Farbe und dem Angebot. Es gibt Mac Dak, aber auch Pizza Huh oder tatsächlich - krass-bizzarr - Star Fucks. Erfolgreich hat sich neulich auch «Obama Fried Chicken» auf den vielversprechenden Markt geworfen. Das Logo ist gleich wie bei KFC, nur anstatt dem legendären Colonel Sanders lächelt der in China ebenso legendäre US-Präsident Obama die Konsumenten und Konsumentinnen an.

Neben all den Grossen aus Ost und West gibt es aber noch viel mehr ganz kleine Anbieter. Am Morgen, am Mittag, am Abend lässt sich an der Strasse lecker und billig ein Schnell-Imbiss kaufen: Nudeln in allen Variationen, Jiaozi (chinesische Ravioli), Pancakes, Crepes, mit Gemüse oder Fleisch gefüllte Dampfbrötchen. Selbstverständlich kann ein Mittags-Imbiss in den Grossstädten - es gibt weit über tausend Städte mit über 200'000 Einwohnern - auch übers Internet direkt an den Arbeitsplatz bestellt werden. In Pekinger Grossraumbüros duftet es deshalb kurz nach 12 Uhr Mittags wie in einem chinesischen Feinschmeckerlokal.

Neben den grossen und mittleren gibt es schliesslich noch kleinere Ketten, die Spezialitäten aus den Provinzen anbieten. Qintangfu aus der nördlichen Provinz Shaanxi mit landesweit knapp zehn Restaurants ist meine Lieblings-Adresse. Auf dem Menu stehen etwa «Nudeln Langes Leben», «Suantang Shuijia» (chinesische Ravioli in süsssaurer Suppe) oder Roujiamo. Als Antwort auf die amerikanischen Burger könnte man den Roujiamo verstehen. Nur eben, dieses Gericht mit Schweinefleisch ist schon vor Hunderten von Jahren in der alten Hauptstadt Chang'an - heute Xi'an, ja, die Stadt mit den Tonkriegern - kreiert worden ist. Weil Xi'an seit Jahrhunderten auch eine grosse Muslim-Minorität beherbergt, gibt es Roujiamo auch in einer Variante mit Lamm- oder Rindfleisch. Koch Xiao Jing, 24 Jahre alt, in einem Pekinger Qintangfu-Ableger beherrscht die Zubereitung von Roujiamo perfekt. Mmhh...


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