stä / Mittwoch, 11. April 2012
Haben Sie sich heute schon gefürchtet? Nicht? Schade. Dann sind sie eigentlich schon gar nicht mehr Teil der Gesellschaft. Denn das Fürchten gehört heute ebenso zum guten Ton wie das Bekenntnis zum Umweltschutz.
Oder wie Julia Zeh und Ilja Trojanow in ihrem wunderbaren Buch «Angriff auf die Freiheit» Sophokles zitieren: Wenn wir Angst haben, raschelt es überall. Für das Rascheln sorgen wir entweder selbst, oder wir lassen es durch populistische Parteien, die Pharmaindustrie oder die Finanzbranche kräftig Fremdrascheln.
War in früheren Zeiten die Religion das Opium fürs Volk, so lasssen sich heute trefflich mit den diffusen Ängsten viele Menschen wie willige Schafe auf die Schlachtbänke von Interessengruppen führen.
Um die Bekämpfung der Angst herum hat sich geradezu eine ganze Industrie entwickelt. Mitfühlende Psychologen, Sicherheit vorgaukelnde Wach-und Schliessdienste, fürsorgende Mediziner und menschelnde Politiker; sie alle wollen uns das Gefühl geben, mit unseren diffusen Furchtszenarien bestens aufgehoben zu sein im Schoss der professionellen Kümmerer.
Aber wollen wir das überhaupt?
Nix da, unsere geliebte Furcht lassen wir uns nicht kleinreden! Warum sollte denn die Vogelgrippe nur dumme Hühner befallen? Und lauert nicht hinter jeder Hecke eine hinterlistige, borelliosige Zecke? Haben sie schon mal recherchiert, ob sie nicht just an einem Grabenbruch zweier Erdplatten wohnen und von Erdbeben heimgesucht werden könnten?
Wie wunderbar spannend doch diese Bedrohungen für unser langweiliges Leben sind. Aaah, dieser Adrenalinkick angesichts des vermeintlichen Nahtodes! Dabei wäre es so einfach. Hätten wir Mut statt ständig Angst, müssten wir wie Asterix und seine Gallier nur eines fürchten: dass uns der Himmel auf den Kopf fällt!
Literatur zum Thema: Angriff auf die Freiheit, Julie Zeh, Ilija Trojanow, Hanserverlag 2009.