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Kolumne


Letzte Tinte verschwendet

Patrik Etschmayer / Freitag, 13. April 2012

Ein Gedicht, dass nur als solches bezeichnet wurde, weil es von einem Nobelpreisträger stammt, eine öffentliche Diskussion voller Hysterie und dann auch noch ein Einreiseverbot für den Dichter in Israel. Die Reaktionen und die Debatte zeigt weniger was mit dem Gedicht als der ganzen Debatte falsch ist. «Was gesagt werden muss» war nicht die hellste Stunde Grassscher Lyrik, auch wenn er es mit der «letzten Tinte» geschrieben habe. Sachlich ziemlich am Thema vorbei, ungenau formuliert mit eingebauten Blitzableitern, gedacht um Kritikern gleich vorzuwerfen, dass sie ihm den Antisemitismus vorwerfen würden. Dieses verquaste, defensiv-offensive Machwerk lieferte denn auch ausreichend Kristallisationskeime für ein Donnerwetter von berechtigter und weniger fundierter Kritik.

Was er hingegen nicht schaffte, war der ganzen Nahostdebatte eine neue Perspektive zu verleihen, einen Blickpunkt, von dem sich neue Einblicke erschliessen liessen ... mithin die eigentliche Aufgabe eines Dichters. Doch da der Irrsinn des Nahostkonflikts eine Art Überdschungel ist, ein Gewirr von Abhängigkeiten, verschwiegenen Interessen, dreckigen Geheimnissen und Verrat auf allen Seiten ist es eben einfacher, das ganze auf ein paar Klischees, die sich auf zwei A4-Seiten niederschreiben lassen, zu reduzieren. Was wirklich gesagt werden müsste, es würde den Umfang einer «Göttlichen Komödie» erfordern.

Wer redet denn schon darüber, dass Palästinenser die einzigen Flüchtlinge der Welt sind, die ihren Status vererben und so immer mehr werden? Und sie deshalb nie eine Chance hatten, eine neue Heimat zu finden und von den «arabischen Brudernationen» als permanente Geiseln ihrer Interessen instrumentalisiert werden? Wer redet darüber, dass die gut 20'000 Quadratkilometer Fläche auf denen die demokratische Nation Israel existiert, offenbar die einzige Identitäts-Stiftende Ikone der meisten islamischen Politiker sind? Wer redet darüber, dass in Israel selbst heftig und offen über die Politik der eigenen Regierung diskutiert wird?

Immerhin wird unterdessen darüber gesprochen, dass die Ultra-Ortodoxen in Israel sich zur Gefahr für die Demokratie entwickeln und dass die normalen Bürger diese Spinner, die vom Staat Israel aufgrund der Verfassung und parteipolitischer Interessen zwar geschützt, gehätschelt und gefördert werden, den Untergang dieses Landes wünschen, weil sie ein Gottesreich wünschen. Häufig verdrängt wird hingegen, dass dieser Wunsch auf der Agenda der meisten Arabischen Nationen und natürlich des Iran ganz oben steht und die israelische Regierung und Bevölkerung daher berechtigterweise finden, dass ihre Selbstverteidigung durchaus auch mit drastischen Mitteln gesichert werden darf. Vor allem, weil es schon mehrere Versuche gegeben hat, Israel konkret zu vernichten.

Doch das sind alles Details. Das dramatische an der ganzen Sache ist, und man realisiert dies erst, wenn man weiter zurück tritt, dass die Identitäts-Stiftende Funktion von Israel ein echtes Drama - für die selbst erklärten Feinde Israels - ist. Ein Erfolg würde die Arabischen Nationen ihres gemeinsamen Nenners berauben und der (wesentlich wahrscheinlichere) ewige Misserfolg dazu führen, die Frustration noch grösser zu machen, die ohnehin schon herrscht. Auf alle Fälle lähmt diese Fixierung auf Israel sowohl die gesellschaftliche, wirtschaftliche als auch soziale Entwicklung von Ländern, welche diese dringend bräuchten. Am tragischsten ist dies alles wohl im Iran

Und dann sind natürlich auch noch die USA, Europa, China, Indien und Russland in das traurige Spiel verwickelt, haben zum Teil sich widersprechende Interessen und versuchen vor allem, die Balance aufrecht zu erhalten, weil so sehr viele der eingebundenen Nationen neutralisiert werden und besser beeinflusst werden können.

Diese Balance zu erhalten war die Aufgabe vieler der im «arabischen Frühling» (der sich nun in einen islamistischen Sommer zu entwickeln droht) gestürzten oder angegriffenen Regime. Dass die vor Jahrzehnten abgewürgte Entwicklung dieser Staaten nun an einem sehr gefährlichen Punkt weiter geht, war scheinbar nicht auf der Rechnung der Grossmächte.

Schon gar nicht in den Fünfziger Jahren, als die USA ausgerechnet die Muslimbruderschaft im Kampf gegen die Arabien bedrohenden Kommunisten unterstützte ...

Bemerken sie es? Beginnt man an einem kleinen Faden im Nahostproblem zu ziehen sitzt man auf einmal mit einem ganzen unübersichtlichen Knäuel da. Interessen und Gegeninteressen, Abhängigkeiten, ganze Existenzberechtigungen und die Staatsräson so mancher Regime hängen davon ab, dass sich möglichst nichts ändert, auch wenn alle behaupten, dass sie es ändern wollen. Ein Fehlschritt, ein falsch gespielter Bluff, und das ganze kann in die Luft gehen.

Doch dies ist nicht die Schuld Israels und die Gefahr geht auch nicht von dessen Atomwaffen aus, ob sie kontrolliert sind oder nicht. Es ist vielmehr wie eine permanente Familienfeier eines hoch-dysfunktionalen Clans an dem konstant zum Tanz aufgespielt wird. Doch dieser Tanz wird mit gezogenen, geladenen und entsicherten Waffen getanzt und wenn Grass glaubte, mit seinem Gedicht etwas aufschlussreiches (oder gar den Ansatz zu einer Familienaufstellung) zu dieser Party der Irren zu liefern, so liegt er leider daneben. Die Tinte hätte er besser für etwas anderes aufgebraucht.


Links zum Artikel:

Was gesagt werden muss Grass' Gedicht im Wortlaut.


 Kommentare lesen (3 Beiträge)
· letzte TintemariesuisseSo, 15.04.2012 11:44
· Ihr BeitragMidasSa, 14.04.2012 12:30
· So komplex ist es nichtJasonBondFr, 13.04.2012 13:45
» Mitreden


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