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Kolumne


«Voranschreiten zum Endsieg»

Peter Achten / Dienstag, 17. April 2012

Breaking News am Freitag den 13. April 2012: Nordkorea unternimmt Raketenstart. Über Agenturen Eilmeldungen, auf 24-Stunden Radio- und Fernsehsender ernste Moderatoren-Mienen, hyperventilierende Reporter und Reporterinnen. Was für eine Überraschung. Die gar keine war. Unterdessen touren die von Nordkorea zum 100. Geburtstag von Staatengründer Kim Il-sung -, Halbgott und Vater des eben verstorbenen Kim Jong-il und des neuen «Grossen Führers» Kim Jong-un - eingeladenen ausländischen Journalisten das Land. Das wird von einigen voreiligen Kommentatoren bereits als «sachte Öffnung» interpretiert, dank - natürlich - dem neuen, jungen, unter anderem in Bern Liebefeld ausgebildeten Kim Jong-un. Einige Reporter schrieben, Zeichen von wirtschaftlichem Aufschwung seien, ganz im Gegensatz zu den im Westen verbreiteten Cliches, unschwer feststellbar. Hochhäuser - notabende aus den 1980er Jahren - Mercedes-Limousinen und dergleichen. Sicher, den oberen Zehntausend - und diese Zahl ist bei 24 Millionen Nordkoreanerinnen und Nordkoreanern wörtlich zu nehmen - geht es immer besser. Die Militärs, die Beamten, die Partei-Kader müssen schliesslich bei Laune gehalten werden.

Das Volk hingegen hat immer noch Mühe, satt zu werden. Die Wirtschaft liegt am Boden. Die industrielle Infrastruktur ist heillos veraltet. Die Volkswirtschaft ist nach Einschätzung der UNO etwa gleich gross wie vor zwanzig Jahren. In Zahlen des südkoreanischen Geheimdienstes und der CIA ausgedrückt sind das derzeit 40 Milliarden Dollar per annum. Verglichen damit erwirtschaftet der Süden nach Zahlen der UNO mit rund 48 Millionen Einwohnern ein Brutto-Indlandprodukt von satten 1,5 Billionen Dollar. Einnahmen generiert Pjöngjang mit dem Export von Rohstoffen, zum Teil sehr seltenen, Waffenverkäufen (z.B. Syrien, Iran, Burma, Pakistan und dergleichen) und der Produktion von Falschgeld in grossem Stil und hoher Qualität. Die Nordkoreaner aber wissen von alledem nichts, sie glauben noch immer, dass Südkorea mauserarm sei und sie im Arbeiterparadies lebten. Nicht verwunderlich deshalb, dass das Jubeljahr 2012 offiziell als Jahr der «Stärke, des Wohlstands und der Prosperität» deklariert wird. Wenn die darbende nordkoreanische Bevölkerung es nicht glaubt, behalten sie es mit guten Grund für sich. In Arbeitslager schuften unter unmenschlichen Bedingungen etwa 200'000 Aufmüpfige und politisch Inkorrekte. Niemand glaubt im Ernst, dass im dicht von der Aussenwelt abgeschotteten Einsiedler-Staat Milch und Honig fliessen, wohl nicht mal die Führungs-Elite selbst, angeführt vom knapp 30 Jahre alten Kim Jong-un, dem neuen, mystischen Halbgott.

An einer Pressekonferenz vor den eingelandenen ausländischen Medienleuten, so die offizielle Nachrichten-Agentur KCNA, ist der Raketenstart mit einem Wettersatelliten zu Ehren des 100. Geburtstages von Kim Il-sung allen Ernstes als «wichtiger Schritt für die Entwicklung der Wirtschaft» bezeichnet worden. Wie gern nur hätte Nordkoreas Bevölkerung Brot und Spiele. In Pjöngjang aber gibt es seit Jahr und Tag allenfalls Spiele, Brot, beziehungsweise Reis und Kimchi aber nur wenig, und dann erst noch oft aus dem Ausland. Nicht als bezahlter Import natürlich, sondern als Spende.

Immerhin, ein chinesischer Reporter, der das Land im Unterschied zu den meisten westlichen Kollegen schon mehrmals bereist hat, stellt im chinesischen Regierungsblatt «China Daily» schlicht fest, selbst die herausgeputzte und privilegierte Landeshauptstadt Pjöngjang gleiche einer chinesischen Stadt in den 1970er-Jahren. Einen Tag später setzte er noch eins oben drauf und beschrieb den Frust der eingeladenen Journalisten aus dem Ausland nach dem Abschuss der Rakete. Die Journalisten-Schar, erpicht natürlich auf Breaking News und stolz am Ort des Geschehens zu sein, erfuhr lange nach ihren Kollegen im Ausland erst Stunden nach dem misslungenen Raketen- cum Wettersatellitentest, die Wahrheit.

Der Misserfolg wurde, immerhin ein Novum, von offizieller Seite mehr als vier Stunden danach eingestanden. Dieses Eingeständnis wiederum interpretierten einige Fallschirm-Journalisten aus Amerika und Europa naiv und unkundig bereits als «Öffnung». Die nordkoreanischen Militärs, angeführt vom «Jungen Genie» Kim Jong-un, dachten mitnichten daran, den kläglichen, dritten misslungen Test in den letzten dreizehn Jahren an die grosse Glocke zu hängen. Wie sage ich es meinen Landeskindern? Das fragte sich Kim Junior. Die Antwort lieferte er am «Tag der Sonne», am 15. April nämlich, als auf dem Kim Il-sung-Platz im Zentrum der Hauptstadt Pjöngjang eine wie immer prächtige und perfekte Militär-Parade zum 100. Geburtstag des Staatengründers und «Präsidenten in alle Ewigkeit» Kim Il-sung über die Bühne ging.

Kim Jong-un in massgeschneideter, schwarzer Arbeiterkluft aus bestem, feinsten Tuch, ist endlich auf dem Gipfel der Macht angekommen. Zwei Tage zuvor wurde er als Generalsekretär der Arbeiterpartei und kurz danach als Erster Vorsitzender der Militärkommission «gewählt» und damit endlich so mächtig wie sein Vater, der vor fünf Monaten verstorbene Kim Jong-il und wie sein Grossvater, der 1994 verstorbene Kim Il-sung.

Während der militärischen Feierlichkeiten ergriff der junge Kim, bereits wie sein Grossvater als «Grosser Führer» von der Staatspropaganda apostrophiert, das Wort. Auch das ein Novum, denn sein Vater blieb jeweils stumm. Kim Junior jedenfalls las ab Blatt und direkt vom Staatssender übertragen. Dass eben ein Raketen- und Satelliten-Test misslungen war, davon war in der Rede ans Volk nichts zu spüren.

Die Zeit, sagte nämlich Kim Jong-un, in der Atomwaffen als Drohung «gegen unser Land eingesetzt werden können, ist für immer vorbei». Aha, werden sich wohl Beobachter im amerikanischen Pentagon gesagt haben. Doch Kim ging selbstbewusst noch einen Schritt weiter: «Die Überlegenheit bei militärischer Technologie ist nicht länger ein Monopol der Imperialisten». Im übrigen schwor Kim, die von seinem Vater ererbte Politik fortzuführen. Dazu gehört vor allem, dass das Militär mit absoluter Priorität behandelt wird. Unter tosendem Applaus und den Tränen der auf dem Kim Il-sung-Platz versammelten Militärs und Volksmassen schloss der junge Kim mit dem bescheidenen Versprechen: «Lasst uns voranschreiten zum Endsieg».

Kim Jong-un, das zeigt der 100. Geburtstag von Grossvater Kim Il-sung, sitzt fest im Sattel. Nur wenige Monate nach dem Tod seines Vaters hat er die höchste Stufe der - nominellen - Macht erreicht. Wer hinter ihm steht, darüber gibt es verschiedene Versionen. Dass das Militär die entscheidende Stütze ist, gilt unter den nordkoreanischen Kaffeesatz lesenden Experten als so gut wie sicher. Kim Jong-un braucht das Militär, aber das Militär braucht ebenso dringend die mystische Figur von Kim Jong-un.

Auch die Botschaft an die internationale Gemeinschaft ist klar. Der junge Kim ist an der Macht, einerseits, und Nordkorea macht - wie der Raketentest deutlich gezeigt hat - niemals einen Kniefall vor den USA, aber auch nicht vor China, Japan oder Russland. Einmal mehr hat sich also gezeigt, dass Nordkorea ohne reales Gewicht in der internationalen Arena die internationale Gemeinschaft dennoch manipulieren kann. Und wie! Seit zwanzig Jahren verspricht Nordkorea in diplomatischen Verhandlungen jeweils alles, hält praktisch nichts und bekommt dafür meist alles in Form von Wirtschafts- und vor allem Nahrungsmittelhilfe. Der grosse Trumpf, das hat die Geburtstagsrede von Kim Jong-un erneut gezeigt, ist die - vermeintliche - Atomwaffe und Interkontinentalraketen, die Amerikas Westküste erreichen können. Da halten kundige Ingenieure noch so lange dagegen und erklären, dass die Raketen- und Atomtechnologie Nordkoreas heillos veraltet und praktisch wirkungslos ist, die Politiker wollen es nicht wahr haben. Aus gutem Grund. Sowohl China wie die USA, aber auch Südkorea, Japan und Russland haben geopolitische Interessen. Der Status Quo ist mithin für alle die beste Lösung.

Sicher jedenfalls ist, dass die internationale Gemeinschaft im Falle von Nordkorea machtlos ist. Sanktionen sind in einem Staat, wo die Bevölkerung rechtlos, hungrig und nicht informiert ist, absolut wirkungslos. Schon Kim Jong-il konnte sich seinen teuren Cognac, teure Autos und exklusive Frauen, seine Filme und Devisen für sein Luxusleben und jenes seiner engsten Verbündeten ohne Probleme beschaffen. Nahrungsmittelhilfe ist zudem nur dann willkommen, wenn kontrolliert werden kann, wer und wo es verteilt wird. Die UNO, die USA, Japan, neulich sogar Russland verkündeten immer wieder, dass die internationale Gemeinschaft es «nicht tolerieren kann», dass Nordkorea Sanktionen krass missachte. Und Nordkorea tut es immer wieder. Mit Erfolg.

Der Status Quo Nordkoreas auf tiefstem wirtschaftlichen und technologischen Niveau ist für alle - ausser den hungernden Nordkoreanerinnen und Nordkoreaner - wohl das beste. Schon Kim Jong-il sagte einst, dass die Abermillionen für die Raketen- und Atomtests der Preis seien, den das nordkoreanische Volk für seine Unabhängigkeit bezahlen müsse. Der neueste, eben misslungene Test kostete nach unabhängiger Berechnung ungefähr 700 Millionen US-Dollar. Damit hätte man die 24-Millionen-Bevölkerung fast für ein ganzes Jahr ernähren können. Aber darum geht es nicht. Weder für Nordkorea. Noch für China. Noch für die USA.


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