et / Freitag, 4. Mai 2012
Psychopathen, Soziopathen haben in Krimis und Horrorgeschichten der letzten 40 Jahre ihren festen Platz erobert. Natürlich waren sie auch schon vorher dort zu Hause, aber man hat sie kaum bewusst so bezeichnet. Doch nicht nur im Film und zwischen Buchdeckeln tummeln sie sich. Auch im wirklichen Leben haben sie sich etabliert.
Freundlich, einnehmend, vertrauenserweckend. Wenn jeweils ein «erfolgreicher» Serienkiller gefasst wird, hört man allenthalben davon, dass man es von diesem nie gedacht hätte. Wie überzeugend solche Monster sein können, zeigte Jeffrey Dahmer, dem es gelang, zwei Polizisten davon zu überzeugen, dass ein vor ihm geflüchtetes, unter Drogen stehendes Opfer sein betrunkener Freund sei, der nach einem Streit davon gelaufen sei. Die Polizisten begleiteten beide nach Hause und Dahmer brachte sein Opfer noch in der selben Nacht um.
Solche Menschen sind - glücklicherweise - die Ausnahme. Doch Dahmer und andere seiner Sorte demonstrierten eindrücklich, dass es mit unserer Menschenkenntnis nicht weit her ist. Dahmer hat jeweils das Vertrauen seiner Opfer gewonnen, genau so wie dies auch Hochstapler und Betrüger oder Kinderschänder tun, die in Vereinen oder Kirchen arbeiten.
Doch warum lassen wir uns so leicht täuschen? Warum fallen jedes Jahr tausende Menschen auf der Welt auf Betrüger, Schwindler und Charmeure mit unlauteren Absichten herein? Weil die Welt sonst nicht funktionieren würde. Denn die meisten Menschen sind nicht Soziopathen und Psychopathen. Die wenigsten hegen ihrem Gegenüber schlechte Absichten, wollen diesen beschummeln, bestehlen oder gar umbringen. Wer immer vom Schlimmsten ausgeht, wird grösste Mühe haben, in einem Alltag zu bestehen, in dem wir immer mehr von uns Unbekannten abhängig sind, um schlichtweg überleben zu können.
So spielt diese Notwendigkeit, blind zu vertrauen, denn auch vielen Übeltätern in die Hände: Mail-Scams, Drive-Bye-Hacks, Skimming und Fishing fallen da einem ein. Bei all diesen neuen Bedrohungen ist es erfrischend, dass eine Sorte von Psychopathen immer noch dieselbe geblieben ist: Politiker. Seit ca. 25 Jahren - manche meinen sogar 250 Jahren - ist diese Sorte ein konstanter Wert - zumindest in Demokratien. Ja, auf diese Psychos kann man sich verlassen.
Denn das Anforderungsprofil eines Profipolitikers ist durch einen geistig gesunden Menschen an sich nicht zu bewältigen. Zum einen gilt es, in der Zeit der Aufstiegs parteiintern genügend Verbündete zu finden, die meist auch nach dem gleichen Karriereziel schielen und so später einmal ausgebootet werden müssen. Nach aussen hin muss ein Politiker hemmungslos Versprechen geben, um Wählerstimmen zu sammeln, ganz egal, ob diese erfüllbar sind, oder nicht - zum Beispiel, weil sie nicht finanzierbar oder gar im Widerspruch mit der Linie der Parteisponsoren aus der Wirtschaft stehen.
Ein erfolgreicher Politiker schafft es, das nicht Erfüllen seiner Versprechen auf die politischen Gegner, die Konjunktur oder die EU abzuwälzen - nur jene, die eh aussteigen wollen, werden frewillig Schuld und Verantwortung auf sich nehmen. Dieser Drei- bis Vierfrontenkrieg ist für eine halbwegs integere - sprich normale - Person schlicht nicht führbar und würde schon nach Monaten, allenfalls wenigen Jahren, zum Zusammenbruch führen. Politische Urgesteine hingegen zeigten und zeigen sich da unempfindlich.
Wenn die Wähler dann endlich drauf gekommen sind und den Politiker in die Wüste schicken, so ist das für diese auch kein Beinbruch: Wer das Schicksal von Gerd Schröder, Henry Kissinger, Tony Blair oder Joschka Fischer betrachtet, sieht sofort, dass die Anpassungsfähigkeit und Verbiegbarkeit des Profipolitikers keine Grenzen kennt und sich sofort wieder Plätzchen finden, in denen sie sich lukrativ einnisten können.
Dass es in der Politik trotzdem immer schwieriger wird, Nachwuchs zu finden, liegt nicht daran, dass der Welt die Psychopathen ausgehen, sondern daran, dass es in der Wirtschaft immer mehr Plätze für diese gibt: Downsizer, Outsourcer, Restructuring Specialists und vor allem all die CEO, CFO und COO-Posten, die mit gewandt auftretenden Anzug- und Deux-Pieces Träger(innen) besetzt sein wollen, welche der Öffentlichkeit von der sozialen Verantwortung der Firmen erzählen, während sie dabei sind, die nächste Entlassungsrunde einzuleiten.
Und vielleicht liegt hier der Grund für so manche Krise der letzten Jahre und Jahrzehnte: In den obersten Etagen reicht es, wenn der gesunde Menschenverstand nur vorhanden zu sein scheint, während dieser dort in Tat und Wahrheit keine Überlebenschance hätte: Ja, es ist nicht nur ein Gefühl... die Welt wird wirklich von Psychos beherrscht.