|
Das Schweigen der Kollegen

bert / Mittwoch, 10. Oktober 2012

Die Weltwoche setzt renommierte Professoren auf ihr Titelbild mit der Schlagzeile: «Vor diesen Professoren wird gewarnt.» Acht namhafte Wissenschaftler und eine renommierte Wissenschaftlerin werden mit skurilen biographischen Hinweisen zum populistischen Abschuss freigegeben. Damit treibt die Weltwoche die Hetze auf Jeden, der es noch wagt, kritisch und frei zu denken, auf den Höhepunkt.
Die Entlassung von Prof. Dr. Christoph Mörgeli durch die Universität Zürich sowie die Verlautbarungen der Regierungsrätin Regine Aeppli sind für Aussenstehende tatsächlich nur schwer nachzuvollziehen. Wir werden hoffentlich in den nächsten Wochen mehr über die Zusammenhänge und die arbeitsrechtlichen Auseinandersetzungen erfahren. Mit Cédric Wermuth möchte ich aber auch festhalten, dass gerade der Fall Mörgeli zeigt, wie wichtig es für alle Arbeitnehmenden ist, sich gewerkschaftlich zu organisieren, dass sie gegen missbräuchliche Entlassungen geschützt sind. Selbst der im Fall Mörgeli unverdächtige Jean Ziegler meinte, der Entlassung des SVP-Nationalrates hafte ein «Gschmäckle» und man müsse die akademische Freiheit garantieren.
Die Attacke der Weltwoche gegen kritische Wissenschaftler hingegen, hängt nicht nur ein «Gschmäckle», sondern ein wahrer Pestgeruch an. Sie reiht sich in die Tradition populistischer Verunglimpfung von Kritik, von Deliberation sowie von Intellektualität durch die Rechtsnationalisten und durch die Nationalsozialisten. Es fehlen nur wenige Beiwörter bei der Bezeichnung der zum Abschuss freigegebenen Professoren und der Artikel könnte ebenso gut 1933 wie 2012 publiziert worden sein. Dass diese Hetze gegen einzelne Professoren medial eher mit einem Schulterzucken hingenommen wird, ist eine in der Mediendemokratie verständliche Reaktion. Denn schliesslich sind mittlerweile auch Bad News Good News, weil sie die für die Werbung notwendigen Clicks garantieren. Und ähnlich wie beim umstrittenen Mohammed-Video kann man argumentieren, dass Nicht-Beachtung die beste Strategie gegen Doofheit ist.
Das Problem ist indessen, dass die Doofen dieser Welt inzwischen unendlich viel Macht haben um via Rhetorik ein Hassklima heraufzubeschwören, das dann tatsächlich Verletzte und Tote produziert. Die Doofen dieser Welt haben gerade im Kleinstaat Schweiz übrigens eine hohe mediale Agenda-Setting-Qualität, sprich: Wenn Ueli Maurer «Neger» sagt, bleibt die Kamera ständig auf ihm.
Ich will mir gar nicht ausmalen, was die von der Weltwoche persönlich zum Abschuss freigegebenen Professoren in ihren Mailboxen alles lesen oder sofort in den Spam-Ordner verlegen müssen. Die Weltwoche ruft mit ihrem Titel klar zum persönlichen Angriff auf die Professoren auf. Dass sich diese ein rechtliches Vorgehen überlegen, ist verständlich. Dass sie dies indessen nicht vor der Angst schützt, von irgendeinem rechtspopulistischen Doofen wirklich persönlich angegriffen zu werden, ist ebenso klar.
Hier müsste der schweizerische Rechtsstaat klare Grenzen setzen und Mittel haben, den Journalisten, der diese Geschichte quasi als Freipass für die persönliche Belästigung, Beschimpfung und Diskretitierung der genannten Professoren aufgeschaltet hat, zu verurteilen. Denn es ist nicht nur üble Nachrede, welche Philipp Gut mit seiner Geschichte betreibt, sondern der Titel: «Vor diesen Professoren wird gewarnt» ruft zur Verfolgung der betroffenen Professoren durch die Öffentlichkeit auf.
Es ist ein Machwerk der übelsten Sorte, welches die Weltwoche publiziert hat. Dass darüber keine klare Urteilskraft, keine Solidarisierung aller Professoren im ganzen Land zugunsten der Verunglimpften stattfindet, lässt auf die grosse Macht der Doofen im Kleinstaate Schweiz schliessen. Sie zeigt auch, dass die Entsolidarisierung aller von allem auch unter Intellektuellenkreisen weit vorangeschritten ist. Stellen Sie sich vor, irgendein Hetzblatt hätte in den 1950er Jahren «Vor diesen Professoren wird gewarnt» publiziert... Eben. Doch 2012 sind selbst die Universitäten - denn der Angriff der Weltwoche richtet sich nicht nur gegen die Uni Zürich - ganz à la Dürrenmatt zu Wärtern und Gefängnisinsassen gleichzeitig mutiert. Dies lässt für die Freiheit des Denkens in diesem Land nichts Gutes ahnen.

| Kommentare lesen (13 Beiträge) |  | | · Politisiert | JasonBond | Do, 18.10.2012 11:54 | | · Hallo Thomy | Midas | Di, 16.10.2012 12:45 | | · Ja, Midas, ... | thomy | Mo, 15.10.2012 18:29 | | · Völker hört die Signale | Midas | Mo, 15.10.2012 16:28 | | · Ins Schwarze getroffen,... | Kassandra | Mo, 15.10.2012 14:08 | | · ... ABER, gerade auch... | thomy | Mo, 15.10.2012 12:07 | | · Bollwerk-Quatsch! | Kassandra | Fr, 12.10.2012 15:03 | | · Prosription | Kassandra | Fr, 12.10.2012 14:41 | | · Interessiert keine Sa* mehr | JasonBond | Fr, 12.10.2012 13:35 | | · Freiheit in den Unis? | PMPMPM | Do, 11.10.2012 09:53 | | » 3 weitere Beiträge | | » Mitreden |
|



|

|

|

|
Archiv
Peter Achten
Paradies oder Hölle?

Patrik Etschmayer
Brüste des Anstosses

Peter Achten
Der «Chinesische Traum»

Regula Stämpfli
Die Schweiz sucht ihren nächsten Superbundesrat

Patrik Etschmayer
Der Ast an dem die Wirtschaft sägt (Teil 2)

Peter Achten
Dikao auf der Titanic

Regula Stämpfli
Psychologisches Killerkuscheln

Regula Stämpfli
Bunt versus uniform

Das Nudel-Gericht

Patrik Etschmayer
Der Ast, an dem wir sägen (Teil 1)

Regula Stämpfli
Anti-Terrorgesetze gegen marodierende Anzugträger

Peter Achten
Privat - Illegal - Kriminell

Patrik Etschmayer
Asymmetrisches Entsetzen

Regula Stämpfli
Das Recht am eigenen Opferbild

Peter Achten
Zehn Jahre nach SARS: H7N9

Entschädigung, Wiedergutmachung und moralischer Bankrott

Regula Stämpfli
Margaret Thatcher? Ein Nobody!

Peter Achten
Suu Kyi: Nobelpreis und Realpolitik

Patrik Etschmayer
Kinder der Austerität

Peter Achten
The Beauty and the Beast

Patrik Etschmayer
Der billige Blitzableiter

Regula Stämpfli
Genitalverstümmelung light

Patrik Etschmayer
Letzte Ausfahrt Pleite

Peter Achten
Testcamp für Atomausstieg

Regula Stämpfli
Euroraum statt Lebensraum

Peter Achten
Harmonie unter dem Himmel

Patrik Etschmayer
Simulacron Z

Regula Stämpfli
Die Wölfe im Schafspelz

Peter Achten
Dicke Luft am Volkskongress

Wollt ihr den totalen Populismus?

Regula Stämpfli
Direktdemokratische Gefühlsorgie

Peter Achten
«Zwei Sitzungen» 两会

Patrik Etschmayer
Mehr Stände anstatt Ständemehr?

Regula Stämpfli
EU-kompatible Italo-Dysfunktion

Peter Achten
Vier Gerichte, eine Suppe

Patrik Etschmayer
Kein Oscar für Steiner

Regula Stämpfli
Labormaus, Laborratte, Labormensch

Peter Achten
China und der «Junge General»

Patrik Etschmayer
EU-Politiker-Skandal: Wenn im Roten Schwarzes steckt

Regula Stämpfli
Galoppierender Etikettenschwindel

Peter Achten
Die Schlange löst den Drachen ab

Patrik Etschmayer
Ueli der Werber

Von Staatskindern zu börsenkotierten Kindern

Peter Achten
Gini als soziales Ausrufzeichen

Patrik Etschmayer
Kopfwehinitiative

Regula Stämpfli
Push-Up Politics

Peter Achten
Heisse Luft - Kalte Luft

Patrik Etschmayer
Gottesfaschisten

Regula Stämpfli
Oonscheeela und Franzois

Peter Achten
Atemlos - Dreck über China

Patrik Etschmayer
Kein Todesstern für die USA

Regula Stämpfli
Die lebendige Münze

Peter Achten
Viel Grau zwischen Zensur und Freiheit

Mord, Vergewaltigung, Abtreibung

Regula Stämpfli
Zahlen gegen Inhalt

Peter Achten
Rot war Grün und Gelb ist Rot

Patrik Etschmayer
Das Ende der Satire

Regula Stämpfli
Verrücktblick

Peter Achten
Harmonie, Chaos, Meister Kong

Patrik Etschmayer
Rückblick auf das nächste Jahr: Juli bis Dezember 2013

Patrik Etschmayer
Rückblick auf das nächste Jahr: Januar bis Juni 2013

Regula Stämpfli
Das Kanzler an das Gott

Peter Achten
Milch, Honig, Glück

Patrik Etschmayer
Sonnwendgedanken

Patrik Etschmayer
Weltuntergänge und anderer Quatsch

Regula Stämpfli
Amok-Biologie

Peter Achten
Worte und Taten

Patrik Etschmayer
Das Puzzle des Grauens

Patrik Etschmayer
Mörgelis visionärer Tweet

Regula Stämpfli
An den Pfahl des Augenblicks gebunden

Peter Achten
Auf der «Achse des Guten»

Patrik Etschmayer
Zombie-Politiker

Jahresrückblick 2012: Verlierer Nr. 3 - Brad Pitt

Regula Stämpfli
Antifeministische Redaktions-Königinnen

Jahresrückblick 2012: Verlierer Nr. 2 - Wissenschaft

Patrik Etschmayer
Jahresrückblick 2012: Verlierer des Jahres: Demokratie

Regula Stämpfli
Schneewittchen im Steuersarg

Peter Achten
Tod des chinesischen Grossreiches?

Patrik Etschmayer
Die Angst vor dem Falschen

Patrik Etschmayer
Ööbedli-Dämmerung

Goodbye Zeitung - hello Information!

Peter Achten
O'zapft is! - in China

Patrik Etschmayer
Verzweifelte Haus-Generäle

Regula Stämpfli
Schweizer Armee gegen europäischen Generalstreik

Peter Achten
Lasst Hundert Blumen blühen!!

Von Peter Achten, Yangon
Obamas diplomatischer Paukenschlag

Patrik Etschmayer
Anatomie einer Dünnbrettbohrung

Peter Achten
«Prinzchen» und andere

Patrik Etschmayer
Das tobende Toupet

Regula Stämpfli
Ein Hund genügt

Peter Achten
«Krebsübel Korruption»

Patrik Etschmayer
Wege aus der Immobilienkrise

Patrik Etschmayer
Die Rückkehr von Realpolitik?

Regula Stämpfli
Tamediastan und helvetischer Réduitjournalismus

Peter Achten
Die Reichen im schiefen Licht

Patrik Etschmayer
Frankenstorm und Romneys Wunschträume

Patrik Etschmayer
Inquisition gegen Seismologen

Regula Stämpfli
Kasino-Journalismus

Peter Achten
Volksheld

Patrik Etschmayer
Gefressen von der Krise
|
|